Jenseits der Säulen des Herakles

      Jenseits der Säulen des Herakles

      Inhaltsangabe


      Was treibt den sonderbaren Kapitän eines Piratenschiffes dazu, ausgerechnet den spanischen Adeligen Antonio di Alvarez gefangen zu nehmen? Ist es nur die Gier nach dessen Besitztümern, oder steckt mehr dahinter, als es auf den ersten Blick den Anschein hat? Die abenteuerliche Reise führt den Gefangenen quer durch den Atlantik, von Spanien, über Schottland bis zu einem kleinen Eiland vor der afrikanischen Küste, sie führt ihn ebenso an die Grenzen seiner Existenz und in einen Strudel widersprüchlister Gefühle, bis er erkennen muss, dass der Kapitän ihn für ein gefährliches Ritual opfern will....

      Altersempfehlung mindestens ü16
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      Prolog


      Golden tauchten die ersten Strahlen der Morgendämmerung die Silhouette der Insel in ein magisches Licht. Ein Vogel ließ schmetternd sein Lied ertönen um seine Kameraden zu wecken, die sogleich in das Konzert einstimmten. Nichts schien die friedliche Stimmung dieser Stunde auch nur im Entferntesten stören zu können...
      Der gen Horizont gerichtete Blick der Spanierin, der sich unbeachtet im Glas des Fensters spiegelte, wollte sich jedoch nicht so recht in dieses stimmungsvolle Bild einfügen. Ein banges Seufzen entwich ihren blassen Lippen und sie wendete sich erneut ihrer Arbeit zu, dem aufwendig bunten Blumenmotiv ihrer Stickerei. Der Alptraum der letzten Nacht hatte ihr Gemüt bis ins Mark erschüttert, und ließ ihre Gedanken auch zu dieser erhabenen Stunde nicht ruhen.
      Zum wiederholten Male stand sie nun auf und sah aus dem Fenster, die beklemmende Unruhe hatte sie so fest im Griff, dass sie sich nicht mehr auf die Stickerei zu konzentrieren vermochte und diese schließlich seufzend zur Seite legte. Sie band ihr rotglänzendes Seidentuch um ihr langes, schwarzes Haar und verließ das Zimmer. Vor dem großen Spiegel der Empfangshalle zog sie sich einen luftigen Umhang um die Schultern, dann verließ sie das Haus, um einen ausgedehnten Spaziergang durch ihren Garten zu tätigen.

      Das luxuriöse Anwesen der Alvarez erstreckte sich über einen sanften Hügel nur wenige Meilen vom Ufer des Meeres entfernt. Das imposante Gebäude inmitten der liebevoll gestalteten Anlage ließ unschwer erkennen, dass es sich bei seinem Besitzer um eine einflussreiche Persöhnlichkeit handeln musste.
      In dem idyllischen Rahmen, den die in symetrischen Mustern angelegte Natur darum bot, vermittelte der Landsitz den Anschein, der Hand eines Künstlers zu entstammen, der sich in der Absicht versucht hatte, ein Abbild des Paradieses auf Leinwand zu bannen: Umgeben von einer reichhaltigen Blütenpracht reckten sich die schmucken Mauern mit ihren zahlreichen Winkeln, Erkern, Fenstern und Säulen aus dem Laubwerk in den strahlend blauen Himmel. Und unmittelbar vor dieser Pracht, führte eine Allee aus Dattelpalmen, deren Baumreihe mit mehreren kunstvoll verzierten Brunnen versehen war, auf denen sich anmutige Figuren von Göttern und Göttinnen, Nymphen und Nixen und anderen mystischen Gestalten vergnügten, vom Tor des Gartens direkt auf den großen Eingang des Haupthauses zu.

      Doch all die Schönheit dieses paradiesischen Ortes konnte heute nicht das sorgenvolle Gemüt der Hausherrin erheitern. Seufzend setzte sie sich schließlich auf eine Bank vor dem Brunnen, dessen Erscheinungsbild ihrem betrübten Herzen am innigsten zugetan war, und beobachtete abwesend das plätschernde Wasser.

      "Donna Esperanza? ach hier seid Ihr...! Ich suchte Euch bereits im ganzen Hause"
      die unerwartete Stimme des Gärtners, der eiligen Fußes auf sie zugelaufen kam, entriss sie unsanft ihrer schlaflosen Träumerei.
      "Bitte verzeiht meine Hast, Senora di Alvarez, ich wollte nur anmelden, dass Euer Sohn Euch sucht, er wartet bereits mit dem Frühstück auf Euch."
      "Danke, Piedro, ich komme schon" antwortete die Spanierin leise und folgte dem Mann auf dem Weg zurück ins Haus...

      Obwohl Manuel ihr jeden Tag um diese Zeit seinen Besuch abstattete, um ihr frisches Brot und Fisch aus dem Dorf zu bringen, war sie heute besonders froh, ihn zu sehen. Der junge, etwa zwanzig Jahre alte Mann mit den seidig schwarzen Locken und den großen dunklen Augen im fein geschnittenen Gesicht, stutzte verwundert ob der innigen Umarmung der Mutter und streichelte ihr sanft über die Schulter.
      "Ist alles in Ordnung, Mutter?"
      Esperanza ließ die Arme sinken, nahm seine Hand und sah ihn an
      "Ich... ich weiß es nicht... ich mache mir Sorgen..."
      "Warum? wegen Tonio?"
      sie nickte unsicher
      "Und wegen Isabel" fügte sie bedrückt hinzu
      "Was sollte denn mit ihr oder Tonio sein, die beiden werden in zwei Wochen heiraten, Isabel ist die glücklichste Braut, die ich je gesehen habe!" Manuel lächelte gedankenverloren. "Wenn nächste Woche das Schiff eintrifft, wirst du wissen, was ich meine. Nein nein, Mutter, mache dir keine Gedanken! du wirst sehen, alles wird gut!" Er legte ihr beruhigend den Arm um die Schulter, und führte sie zu ihrem Platz am Kopfende des Tisches, damit sie sich setzen und entspannen konnte, doch die Sorgenfalten im Gesicht der Frau wollten sich nicht glätten.

      "Setz dich zu mir, Manuel, ich muss dir etwas erzählen" der Sohn nickte und setzte sich neben sie, die Zuversicht, mit der er seine Mutter eben noch zu beruhigen beachsichtig hatte, verschwand langsam aber sicher immer mehr, denn so besorgt hatte er sie schon lange nicht mehr gesehen.

      "Ich hatte letzte Nacht einen schrecklichen Traum..." begann die Spanierin mit bebender Stimme, "ich befand mich an Bord eines Schiffes und sah, wie Isabel von Piraten ermordet wurde... es war entsetzlich!"
      Manuel legte verwirrt den Arm um die Schulter seiner schluchzenden Mutter, reichte ihr ein Taschentuch und schaukelte sie sanft.
      "Nun weine doch nicht, es war doch nur ein Traum... " versuchte er sie zu beruhigen, doch so recht überzeugt davon war er nun selber nicht mehr. Zu oft hatte seine Mutter schon Vorahnungen dieser Art gehabt.
      "Es war so... wirklich, als wäre ich dabei gewesen, ich konnte ihre Schreie hören, sah ihr Blut, sah ihren abgeschlachteten Körper...."
      Manuel schwieg betroffen und fuhr sich unruhig über seinen schmalen Kinnbart, dann sah er sie fragend an
      "und wo war Tonio?"
      "Ich... ich weiß es nicht, ich habe ihn nicht gesehen, aber ein banges Gefühl droht mein Herz zu erdrücken, dass auch mit ihm etwas Schreckliches passiert sein möge..."
      Manuel schluckte leise und schlang seinen Arm noch etwas fester um die Schulter der Frau.
      "Nun mal doch bitte nicht den Teufel an die Wand" flüsterte er beschwörend, wohl wissend, dass seine Mutter El Diablo fürchtete und nicht im Hause duldete.
      "Manuel!" erwiderte sie entsetzt und sah ihren Jüngsten vorwurfsvoll an, dann senkte sie den Blick, als sie den ernsten Ausdruck im Gesicht ihres Sohnes bemerkte.
      "Ich habe wirklich Angst..." fuhr sie fort und nahm seine Hand
      "Dann sollten wir uns Gewissheit verschaffen, Mutter. Wenn dein Traum eine Bedeutung hatte, dann müssen wir es wissen..."
      "Du hast recht, Manuel... und eben das war es, was ich mit dir besprechen wollte."
      "Wir werden Padre Iki aufsuchen?"
      Die Mutter betrachtete ihren Sohn nachdenklich, dann lächelte sie sanft und strich über sein langes, zum Zopf gebundenes Haar
      "Genau das werden wir tun."



      Erstes Kapitel:

      Das Ende eines Traums


      Die Sonne war längst untergegangen und die kühle Abendluft wehte salzige Feuchtigkeit vom Meer auf das Deck der eindrucksvollen Galeone. Die Segel waren bereits eingeholt und die schwarzen Stämme der drei nackten Masten reckten sich wie die Zinken einer gigantischen Forke in den düsteren Himmel.

      Erschöpft ließ Tonio den dreckigen Lappen in den Eimer fallen und sah auf. Er hatte, ganz in seine Arbeit vertieft, nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen war und verwunderte sich nun, dass man ihn nicht, wie gewöhnlich um diese Stunde, in sein Verließ gesperrt hatte. Unsicher blickte er sich um. Das Deck war verlassen, ausser dem Mann im Ausguck war niemand zu sehen, die Mannschaft schien sich zum Abendessen in der Messe versammelt zu haben.

      Essen…! Seit mehr als einer Woche hatte er nun keine Nahrung mehr zu sich genommen. Bei dem Gedanken daran krampfte sich schmerzhaft sein Magen zusammen, und verdrängte für einen Moment das brennende Stechen in seinem Rücken, welches ihn bei jeder Bewegung peinigte, denn auf der nackte Haut desselben, die von oben bis unten mit blutig verkrusteten Striemen überzogen war, tat auch die salzige Meeresluft ihr Übriges, um die Wunden wie mit feinen Nadeln zu traktieren.
      Eigentlich war ihm der bohrende Hunger bis heute recht gleichgültig gewesen, denn der grausame Tod seiner geliebten Isabel hatte jeglichen Wunsch nach Nahrung verblassen lassen und selbst die gnadenlose Folter, die diesem schrecklichen Erlebnis gefolgt war, hatte er standhaft ertragen. Der Wunsch, ihr in den Tod zu folgen, hatte ihn mit großer Inbrust erfasst und nicht mehr losgelassen.

      Jedoch die kräftezehrende Schufterei auf dem Deck, zu der man den Gefangenen jeden Tag nötigte, hatte ihn mürbe gemacht.
      Über den Knien war die Hose schon seit Tagen durchgescheuert, die Haut darunter blutig, und auch die Knöchel seiner nackten Füße waren durch die rostigen Eisenschellen wund und blutig gerieben, von den Handgelenken ganz zu schweigen. Er war an der Grenze des Erträglichen angelangt und die Fähigkeit, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen, schien ihm immer öfter abhanden zu kommen. Gefühle wie Hunger, Durst und Schmerz gewannen die Oberhand, die Bedürfnisse des Körpers siegten über den Geist und drängten jede Vernunft in den Hintergrund.


      Die Türe zur Messe öffnet sich und ein Mann tritt ins Freie.
      Er atmet einige Male tief ein und aus, dann beugt er sich über die Reling und lässt seinen Blick prüfend über das Wasser gleiten. Nachdem ein zweiter Blick Takelage und Segel überprüft hat, geht er wieder hinein, lässt die Türe jedoch einen Spalt geöffnet um die frische Luft in das stickige Innere des Essaums zu lassen.
      Tonio, der sich hastig in eine dunkle Ecke gekauert hatte, atmet erleichtert aus, der Mann hatte ihn nicht bemerkt. Gebannt beobachtet der Spanier den hellen Spalt, aus dem Stimmengewirr und fröhliches Gelächter dringt. Ein warmer Hauch, angereichert mit dem Duft von Pökelfleisch und Fischsuppe, gemischt mit Tabakdunst, wabert hinaus und schwängert die kühle Nachtluft. Tonio schluckt geräuschvoll, in seinem trockenen Mund läuft ihm das Wasser zusammen, nervös fingert er an den Kettengliedern zwischen seinen Händen und der Drang, seinen quälenden Hunger zu stillen, wird immer stärker. Nur die Furcht, dass er sich dafür in die Höhle des Löwen begeben musste, lähmt diesen Drang.

      Er fröstelt, die Nachtluft überzieht seinen Körper mit einer Gänsehaut und der Gedanke, seine kalten Glieder auf dem faulen Stroh seines dreckig feuchten, aber dennoch halbwegs warmen Schlafplatzes auszustrecken, erscheint ihm unter diesen Bedingungen garnicht mehr so unangenehm...

      Wieder huscht sein Blick zum warmen hellen Spalt nur wenige Meter vor sich und ohne es zu merken, rutscht er dem Licht langsam entgegen, bis er schließlich hindurch sehen kann. Sehnsüchtig starrt er in den hell erleuchteten Raum, saugt geräuschvoll den Duft des Essens in sich auf.
      Die Ketten, die das Eisen um seinen Hals mit den Schellen der Hände verbinden, klirren leise im Takt der aufgeregten Atemzüge. Er muss sich irgendwie ablenken, und die sicherste Methode, seinen Hunger zu verdrängen, ist der Gedanke an den Mord an seiner Isabel.

      Vorsichtig lehnt er sich an die Holzwand... das geschundene Fleisch auf seinem Rücken protestiert mit einem schmerzenden Pochen und lässt ihn leise aufstöhnen.
      Er schüttelt müde den Kopf als er an seine leichtsinnige Unbesorgtheit denken muss. Es hätte alles anders kommen können, hätte er nur mit der Hinterhältigkeit dieser Männer gerechnet, die jetzt in der Kantine ihre Bäuche füllten.
      Düster schweift sein Blick hinaus aufs schwarze Meer, fahles Mondlicht aus einer schmalen Sichel zaubert unwirklichen Glanz auf die mit kaltem Schweiß überzogene Haut seines Gesichts und lässt sein aristokratisch, spanisches Profil wie das einer kunstvoll behauenen Statue wirken, wäre da nicht der glitzernde Schimmer in den dunkelbraunen Augen und die leichte Briese, die sanft in den langen, schwarzen Haaren spielt und dem stoischen Antlitzt Leben einhaucht.
      So regungslos sein Gesicht auch scheint, der barbarisch zugerichtete Körper unterhalb des Halseisens spricht eine andere Sprache. Unruhig hebt und senkt sich sein Brustkorb, das nervöse Spiel der Muskeln lässt erahnen, welch stattliche, durchtrainierte Figur einstmals in diesem ausgezehrten Körper gesteckt haben mochte.
      Hinter der bleichen, nassen Stirn wandern die Gedanken in der Zeit zurück...

      ***


      Es war an einem nebligen Tag vor zwei Wochen, als der Spanier, nach einer rauschenden Sylvesterfeier im Hafen von Cadiz, mit seiner Verlobten in See gestochen war. Nun schrieb man das Jahr 1784, und der Winter zeigte sich bislang von einer angenehm milden Seite, so dass er voller Abenteuerlust und Tatendrang sein Schiff bestiegen hatte. Damals hatte er sich unbesiegbar gefühlt und es vehement vermieden, seinen jungen verliebten Geist mit dem Gedanken an mögliche Gefahren zu belasten. Mit seiner wunderschönen Braut an seiner Seite schien er gegen jedes Unheil gewappnet....
      Die allgegenwärtigen Gerüchte über Piraten hatte er in seiner naiven Arroganz konsequent ins Reich der Ammenmärchen verbannt, das war etwas, womit man kleinen Kindern Angst machte, um sie vom Hafen fern zu halten. Immerhin war er, als junger Spross einer angesehenen und wohlhabenden spanischen Adelsfamilie hervorragend im Umgang mit Rapier, Säbel und Schwert unterrichtet worden… also wenn es diese Piraten gab, 'ja dann sollten sie sich ruhig zeigen, denn er, Antonio di Alvarez war bereit, sie das Fürchten zu lehren!"

      An Bord des Schiffes befanden sich allerhand Vorräte für die Menschen auf seiner Insel. Ein idyllisches Eiland inmitten des atlantischen Ozeans, welches ihm der unerwartete Tod seines Vaters als Erbe hinterlassen hatte.
      Die Mannschaft war sich durchaus bewusst gewesen, dass die vollbeladene Brigantine eine attraktive Beute für Gesindel sein würde. Bisher jedoch waren die Gewässer vor Spaniens Küste von Überfällen durch Piraten verschont geblieben, so dass sie des nachts auf eine einzige Wache vertrauten.

      In der Nacht des Angriffs umgaben dichte Nebelbänke das Schiff, keine Brise rührte sich, die See war glatt und zeichnete sich wie ein seidener, schwarzer Schleier unter dem Dunst des Wassers ab. Alles schien ruhig und friedlich. Bis in die tiefen Abendstunden hatte Tonio mit seiner Braut an Deck gestanden, fasziniert mit ihren langen, pechschwarzen Locken gespielt und ihre Schönheit bewundert. Ein sanfter Lufthauch spielte auffordernd mit dem leichten, dünnen Stoff ihres weißen Kleides und zeichnete den schmalen, fast knabenhaften Körperbau mit den perfekt proportionierten Rundungen verführerisch darunter ab. Verträumt hatte er ihrer Stimme gelauscht und mit ihr Zukunftspläne geschmiedet... nichts, aber auch garnichts in der Welt hätte ihn ahnen lassen, was wenige Stunden später, als sich alle in ihren Träumen wiegten, geschah...

      Die Piraten nutzten die Gunst der nebeligen Stunde, wohlwissend dass sie so das eigene Risiko auf ein Minimum senken konnten. Mit einem gezielten Schuss aus einer Armbrust brachten sie den Matrosen im Krähennest zum schweigen und enterten schließlich nahezu geräuschlos das Schiff. Todbringenden Schatten gleich, drangen sie in die Kabinen der schlafenden Männer ein und meuchelten mit grausamer Effizienz einen nach dem anderen. Hätte nicht der einäugige Pepe, einer der älteren Matrosen, geistesgegenwärtig Alarm geschlagen, die Mehrzahl hätte wohl kampflos ihr Leben gelassen.

      Schreie und Kampfgeräusche hatten Tonio aus seinem tiefen, traumlosen Schlaf gerissen und fluteten seinen Geist augenblicklich mit einer hohen Dosis Adrenalin. Geistesgegenwärtig schnallte er sich den Gurt mit seinen Schwertern um den Nachtanzug, versteckte seine zu Tode erschrockene Braut in einer großen Truhe und stürzte sich wild entschlossen in die Schlacht an Deck.

      Schon nach wenigen Hieben und Schlägen auf die zahlreichen Gegner, die ihn immer dichter bedrängten, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass außer ihm kaum noch einer seiner Mannschaft am Leben war. Doch trotz dieser Erkenntnis wollte Tonio sich nicht geschlagen geben und mit einem lauten Schrei drosch er wild auf die Angreifer ein. Er musste Isabel beschützen, koste es, was es wolle! Alleine die Vorstellung, sie könnte in die Hände dieser Banditen geraten, versetzte ihn in eine solche Rage, dass er wie ein Berserker durch die Reihen der Feinde fuhr und alles, was ihm in die Quere kam, niedermähte.

      Er hatte bereits eine blutige Schneise in die Front der Piraten geschlagen, als ihn der schrille Schrei seiner Verlobten zu Eis erstarren ließ und seine Glieder abrupt ihren Dienst verweigerten. Entsetzt musste er mit ansehen, wie die Männer sie an den langen Strähnen ihres seidigen Haares über die rauen Planken schleiften und in seine Richtung zerrten.
      Noch hielt man respektvollen Abstand zu seinen blutnassen Schwertern und einer der düsteren Kerle, der der Anführer zu sein schien, baute sich in sicherer Entfernung vor ihm auf, die beiden Männer, die Isabel in ihrer Mitte hielten, welche sich nach Leibeskräften zu wehren versuchte, neben sich.

      Der Freibeuter war etwa Mitte dreißig, von ungewöhnlich großer Statur, muskulös und für einen Gesetzlosen von erstaunlich gepflegter Erscheinung.
      Der stechende Blick aus grau-blauen Augen fuhr dem Spanier bis ins Mark. Das ebenmäßige, glatt rasierte Gesicht unter dem tief in die Augen gezogenen Dreizack umrahmten glatte, seidige Haare, die im Nacken zu einem Zopf geflochten waren. Die schneeweiße Farbe des Haars, dessen Glanz und Art zu fallen zu natürlich schien, um zu einer gewöhnlichen Perücke zu gehören, widersprach augenfällig der jungen Erscheinung des Mannes und erweckte den Eindruck, dass er aus dem Norden stammte. Der hünenhafte Körperbau war dem eines Wikingers würdig, doch den Worten nach zu urteilen, die sich dem keuchenden Spanier wie gefährliches Donnergrollen näherten, war er eher schottischer Abstammung. Tonio erkannte den Klang der Sprache, auch wenn er sie nicht verstand, denn sein Vater hatte in früheren Zeiten vergeblich versucht, sie seinem störrischen Sohn einzutrichtern, da einer seiner Urahnen aus Schottland stammte und anscheinend Großes geleistet hatte.... vor Jahrhunderten. Und just in diesem Moment verfluchte er sich für seine jugendliche Sturheit, denn er verstand kein Wort von dem was der Mann ihm jetzt zu sagen versuchte.
      Zu tiefst verunsichert ob der brenzligen Situation, doch nach wie vor die Schwerter drohend vor sich haltend, beäugte er die imposante Erscheinung des Piraten skeptisch.
      Die düstere und dennoch elegante Kleidung aus bordeaux farbenen und schwarzen Stoffen, verziert mit Silberbeschlägen, Schnallen und allerhand Leder, unterstrich den finsteren Blick des Mannes auf fast dramatische Weise. Ein Arsenal von diversen Stich und Schusswaffen rundete dieses Bild so überzeugend ab, dass alleine sein Anblick seine Gegner einschüchtern musste…

      Tonio schluckte geräuschvoll, die Lage schien aussichtslos. Auch wenn er nicht verstand, was der Mann nun von ihm wollte, so wurde doch klar, dass dieser ihn gerade mit der Unversehrtheit seiner Geliebten erpresste, und er war bereit, sein Leben zu geben, wenn er damit nur ihres retten konnte...
      Gerade wollte er die Waffen sinken lassen, da riss sich die junge Frau aus dem brutalen Griff der Piraten los und rannte davon. Einige Sekunden lang waren die Männer so überrascht, dass sie ihr erstarrt hinterher blickten, doch da donnerte auch schon die Stimme des Kapitäns durch die Nacht und sie stolperten ihr hinterher. Ein markerschütternder Schrei verließ Tonios Kehle, er wusste, dass der Fluchtversuch seiner Braut eine Verzweiflungstat war, ohne die geringste Aussicht auf Erfolg, denn wo wollte sie auch hin auf einem Schiff voller Piraten?

      Dann gellten Isabels Schreie durch die Nacht und ließen sein Blut in den Adern gefrieren...
      Was danach geschah, gab seine Erinnerung nur bruchstückhaft wieder: Ihr Gesicht, ihr Körper, blutüberströmt und leblos vor seinen Füßen, eine heftige Übelkeit, die seinen Mageninhalt über das Deck verteilte... eine unkontrollierbare Wut, wie er sie nie zuvor gekannt hatte... Männer, die durch sein Schwert fielen….dann eine brennende Kugel, die sich in seine rechte Schulter bohrte und eine Klinge, die sich in seinen linken Oberschenkel schnitt, zuletzt ein schmerzhafter Schlag in den Nacken, der ihn zu Fall brachte, das sollten die letzten Bilder sein, die er von seiner Reise in Erinnerung hatte.
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      Ein kräftiger Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht hatte Tonio aus der Ohnmacht zurück geholt. Nun stand er etwa zwei Schritte vor dem Hauptmast des Piratenschiffes, benommen schwankend und die Hände mit einem Hanfseil auf den Rücken gebunden, zwischen zwei Männern, die ihn an den Armen aufrechthielten. Die Wunde in seinem Bein hatte die weiße Baumwollhose rot gefärbt, seine Schulter hatte ein glatter Durchschuss perforiert und auch sein Hemd war blutgetränkt. Doch so sehr ihm die Schmerzen und der Blutverlust auch zusetzten und ihn mit einer von Schwindel begleiteten Übelkeit plagten, so wenig drangen diese Empfindungen bis in sein Bewusstsein vor, denn darin war nur Platz für die schrecklichen Bilder des zuvor Erlebten. Immer wieder sah er vor seinem geistigen Auge den grausam verstümmelten, leblosen Körper seiner geliebten Isabel und stumme Tränen rannen über seine Wangen.

      Der Morgen dämmerte bereits und legte ein blutrotes Band um den Horizont.
      Auf dem Deck hatten sich die Piraten versammelt, um ihren Freunden die Letzte Ehre zu erweisen. Zwölf Tote hatten sie zu beklagen und fast vierzig Verletzte. Alleine fünf der Toten und ein gutes Dutzend der Verletzten gingen auf Tonios Konto und unter anderen Umständen hätte ihn diese Tatsache mit grimmigem Stolz erfüllt.
      Aber weder die Bilanz des blutigen Gemetzels, noch der Hass, der ihm nun aus den Reihen seiner Gegner entgegen schlug, berührte ihn in irgendeiner Weise. Teilnahmslos hing er mehr, als dass er stand, im eisernen Griff der Seeräuber, und versuchte, allen Widrigkeiten zum Trotz, so würdevoll dabei auszusehen, wie es sein Stand erforderte. Während dessen überhäuften ihn die aufgebrachten Matrosen mit den wüstesten Beschimpfungen, die man sich nur denken konnte. Sie hatten ihre Freunde und Kameraden verloren, durch ihn, und jeder der rauen Burschen wollte ihn das auf seine Weise spüren lassen. Doch der Kapitän hatte nicht vor, ihn der wütenden Meute auszuliefern, er hatte scheinbar ganz andere Absichten.


      Die Stimme des Hünen brachte Tonio vorübergehend ins Geschehen zurück. Er hatte sich vor ihm aufgebaut und redete mal zu ihm, mal zu seiner Mannschaft, doch den Gefangenen kümmerte auch das nicht. Er hatte einen Kloß im Hals, der sich nicht schlucken ließ und auch wenn die Zahl der Leichen, welche nun, begleitet von den Gebeten der Seeräuber, über eine Planke ins Meer hinunter rutschten, ihm eine gewisse Art von Genugtuung verschaffte, so brachten sie doch seine verlorene Liebe nicht zurück.

      Plötzlich spürte er, wie etwas seine Kehle zerdrückte und er starrte erschrocken in das glattrasierte Gesicht vor sich. Er hatte die Hand nicht kommen sehen, nicht darauf geachtet, dass der Unbekannte mit ihm gesprochen hatte. Wozu auch, er verstand ja sowieso kein Wort davon… doch jetzt gruben sich die Finger des Seeräubers tief in die zarte Haut seines Halses und pressten den Kehlkopf so hart zusammen, dass sich ein stechender Schmerz durch seine Stimmbänder zog. Da die beiden Männer ihn schließlich losgelassen hatten, hing er nun mit seinem ganzen Gewicht am ausgestreckten Arm des Schotten, der mehr als einen Kopf größer war als der im Vergleich zierliche Spanier, und versuchte röchelnd , nach Luft zu schnappen.
      Ein verachtendes Grinsen zog sich flüchtig durch das finstere Gesicht des Kapitäns, dann hob er den Gefesselten so dicht vor sich, dass er mit ihm auf Augenhöhe war, durchbohrte seine flatternden Augenlider mit einem stechenden Blick, und schleuderte ihn schließlich, als hätte dieser nur das Gewicht einer Puppe, mit Schwung gegen den Mast. Bevor Tonios Körper jedoch an dem glatten Stamm nach unten rutschen konnte, war sein Peiniger mit einem Schritt bei ihm, packte ihn erneut an der Kehle und drückte ihn gegen das Holz. Einer der Männer, die ihn gehalten hatten, musste ihn nun am Hals an den Mast binden. Wieder sprach der Kapitän zu ihm, stellte ihm irgendwelche Fragen und wollte Antworten, doch aus Tonios schmerzender Kehle kam nicht mehr heraus, als ein tonloses Röcheln.

      Leer, und doch nicht ohne den Stolz seiner adeligen Herkunft zu verbergen, erwiderte er den stechenden Blick des Schotten. Sollte er ihn doch umbringen, dann wäre er wenigstens von diesem unerträglichen Schmerz in seinem Herzen befreit und wieder mit Isabel vereint - ihm war alles gleich. Ohne Gegenwehr ließ er sich das Hemd vom Körper reißen, er war bereit, ihr in den Tod zu folgen…

      Doch der Schotte hatte nicht vor, ihn zu töten, er wollte ihn klein kriegen, brechen, unterwerfen.
      Mit einem kühlen Lächeln ließ er sich einen Rohrstock geben und brachte sich in passender Entfernung vor dem Delinquenten in Position. Schon surrte das dünne Holz durch die Luft und fraß sich klatschend in die entblößte Brust desselben. Gepeinigt bäumte der Gefangene sich in die Schlinge und ein heiseres Röcheln entwich der gepressten Kehle... zu mehr als diesem erbärmlichen Laut schien das durch den brutalen Griff des Kapitäns so nachhaltig geschädigte Organ nicht in der Lage zu sein.
      Und wieder sauste der Stock auf ihn nieder, hinterließ einen zweiten roten Striemen, aus dem kleine, dunkelrote Tropfen perlten. Wieder bäumte Tonio sich auf, in dem verzweifelten Versuch, sich der Schlinge zu entwinden, doch das am Tritt befestigte Seil presste seinen Hals unnachgiebig an den Mast und je mehr er sich wand, umso weniger Luft ließ es in seine Lungen.
      Der nächste Schlag übertraf die beiden vorangegangen noch in seiner Härte und Tropfen seines eigenen Blutes spritzten ihm ins Gesicht. Schwindel trübte sein Gleichgewicht als sich der Schmerz glühend heiß durch seine Brust fraß, und allein das dünne Tau um seinen Hals bot seinem zitternden Körper einen fragwürdigen Halt.

      Dem dritten folgte ein vierter, dann ein fünfter und sechster Schlag. Blut rann seine Brust entlang und färbte den Hosenbund dunkelrot. Der siebte Hieb ließ ihn fast ohnmächtig werden, die Knie versagten ihm den Dienst und er rutschte röchelnd in die Schlinge. Sein flatternder Herzschlag pochte wie ein Hammer in den Adern seiner Schläfen, trieb mit seinen verendenden Schlägen die Augen aus den Höhlen, und kleine, spitze Nägel in seine Nase, und ein taubes Kribbeln breitete sich allmählich über seine Wangen und in seinen Fingern aus.

      Bevor er in dieser Pose jedoch das Zeitliche segnen konnte, wurde er brutal nach oben gerissen, und die Schlinge um seinen Hals löste sich. Tonio versuchte, etwas zu erkennen, doch alles um ihn herum schien unwirklich und in einem schwarzen Schleier gefangen. Jemand drehte ihn ruckartig um und drückte ihn mit der blutigen Brust gegen den Mast. Dann löste man ihm die Fesseln nur um ihn gleich darauf mit schweren Eisenschellen in eine Umarmung mit dem mehr als mannsdicken Pfeiler zu zwingen. Gleichzeitig legte sich ein kalter Eisenreif um seinen Hals, an dem eine Kette baumelte, ein knirschendes Klicken ließ ein Schloss im Nacken einrasten. Um nun zu verhindern, dass er im Fall einer Ohnmacht am Mast herunter rutschte, knotete man ein Seil an die Handschellen, zog das Seil durch einen Ring, der sich zwei Köpfe über ihm im Mast befand und verband das lose Ende mit der Kette der Halsfessel, so dass er jedes Mal, wenn die Arme kraftlos herab sinken wollten, das Eisen um seinen Hals nach oben zog.

      Plötzlich griff eine Hand in sein schweißnasses Haar und zerrte seinen Kopf daran seitlich nach hinten, so dass er sehen konnte, wer zu dieser Hand gehörte. Es war kein Geringerer, als sein sadistischer Peiniger persönlich, der ihm jetzt noch einige fremdartige Worte ins Ohr zischte und ihm damit einem ebenso hünenhaften Mann neben sich vorstellte.
      Tonios Blick zuckte unsicher zur Seite, der zweite Mann erweckte ebenso wenig Vertrauen, wie der Kapitän selber, war jedoch dunkelhaarig, tätowiert, und trug einen verwegenen Dreitagebart in seinem vernarbten Gesicht. Die lässige Kleidung des Seeräuber bestand aus einem schmutzig roten, seitlich geknoteten Kopftuch, einer speckigen Lederweste und einer ebensolchen Hose. Die Beine steckten bis zum Knie in schweren Stulpenstiefeln, und ein breiter Ledergurt um die Hüfte bot Halt für einen einfachen, aber nicht minder eindrucksvollen Säbel, einen Dolch und zwei Pistolen. Was den Spanier aber noch mehr beunruhigte, als das düstere Erscheinungsbild des Mannes, war die lange Peitsche in seiner Hand, mit deren geflochtenen Rundungen er ungeduldig spielte. Schließlich ließ der Kapitän Tonios Haare wieder los, nickte dem Folterknecht zu und entfernte sich.

      Man benötigte nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, welche Arbeit der Mann mit der Peitsche auszuführen hatte. Neununddreißig Schläge, das war Standardprozedere bei Anlässen dieser Art, das war ungeschriebenes Gesetz, und um der unmenschlichen Grausamkeit einen barbarischen Stempel aufzudrücken, wurde der Delinquent jedes Mal, wenn ihn eine gnädige Ohnmacht dahin raffen wollte, mit einem Eimer eiskalten Salzwassers aus seiner Bewusstlosigkeit heraus gerissen, damit er auch keinen Hieb davon verpasste.

      Wie er die Bestrafung überlebt hatte und warum, war ihm unklar. Bei jedem der erbarmungslosen Schläge hatte er gehofft, dass ihn der Tod erlöste, aber sein gestählter Körper schien widerstandfähiger zu sein, als ihm lieb war, und am Ende der Tortur fand er sich, an Füßen und Hände gefesselt und benommen vor Schmerz, in einer Pfütze seines Urins auf den nackten Planken eines Lagerraums wieder, wimmernd, zitternd, den misshandelten Körper im eigenen Blut gebadet, in der Gewissheit, eine unbekannte und sicherlich qualvolle Zukunft vor sich und eine vernichtend grausame Vergangenheit hinter sich zu haben…


      In der Gewalt der Piraten


      Den kommenden Tag erlebte er, wie in einem endlosen Alptraum. Immer wieder hatte er von unerträglichem Schmerz gepeinigt das Bewusstsein verloren, und während einem dieser Zustände hatte sich jemand seiner Wunden angenommen, diejenigen, welche nicht aufhören wollten zu bluten, genäht und sie mit Salbe bestrichen und verbunden. Irgendwann hatte auch jemand einen Krug mit Trinkwasser und einen Kübel mit etwas Meerwasser neben ihn gestellt, in dem er seine Notdurft verrichten konnte, doch erst in der folgenden Nacht sah der Gefangene sich in der Lage, seine Bedürfnisse halbwegs zu befriedigen, einen Schluck zu trinken und sich zu erleichtern. Die Nacht war kühl und der erlösende Schlaf wollte nicht über ihn kommen.
      Immer wieder kreisten seine Gedanken um die letzten Augenblicke auf seinem Schiff, in denen die Piraten seine Mannschaft, aber vor allem seine Braut abgeschlachtet hatten und seine Gefühle schwankten zwischen Rachegedanken und Todessehnsucht hin und her.
      Der Verlust des geliebten Wesens quälte sein Herz mehr, als es die körperlichen Wunden vermochten, und ließen sein Leben unerträglich erscheinen, doch der Wunsch, ihren Tod zu rächen, bemächtigte sich immer häufiger seiner Gedanken, und verdrängte den Todeswunsch allmählich.
      Dann wiederum, wenn er sich in dem dreckigen Loch umsah, in das man ihn gesperrt hatte, in dem er seinen Platz gegen Ratten verteidigen musste, und die Atemluft nur durch wenige dünne Ritze zu dringen schien, wurde er sich seiner unglücklichen Lage bewusst und er wünschte sich sehnlichst, einfach nicht mehr wach zu werden, oder seinen Verletzungen zu erliegen.

      So vergingen Tage und Nächte, ohne dass er etwas von deren Wechsel mitbekommen hatte, sein Verließ im tiefsten Lagerraum des Schiffsbauchs war zu weit entfernt vom Leben und Treiben an Bord und vom Licht des Tages, als dass irgendetwas davon das stetige Geräusch der Wellen, die gegen die Wände schlugen, übertönen hätte können. Ab und zu jedoch stieg einer der Matrosen zu ihm herab in dieses unwürdige Loch, um nach seinen Wunden zu sehen oder um zu überprüfen, ob er noch genug zu trinken hatte, doch niemand konnte oder wollte ihm erklären, warum man ihn gefangen genommen hatte.

      Als der Morgen des vierten Tages graute, und Tonio nach einer durchwachten Nacht doch irgendwann eingeschlafen war, öffnete sich die Luke zu seinem Verlies. Eine Leiter schob sich zu ihm hinunter, und ein Mann griff nach der Kette zwischen Hals und Händen und zerrte ihn daran hinter sich her. Tonio stöhnte benommen vor Schmerz als er so brutal aus der Luke gezogen wurde. In kleinen hastigen Schritten und mit zusammen gepressten Zähnen humpelte er dem Mann hinterher, der ihn durch die düsteren Gänge des Unterdecks, bis nach oben auf das Deck der Galeone schleifte und kniff blinzelnd die Augen zusammen als ihn das ungewohnte Licht des nahen Tages blendete.
      Achtlos ließ der barbrüstige Mann mit dem dreckigen Kopftuch unter dem abgewetzten Dreizack den Gefangenen auf das Deck fallen, stellte einen Kübel mit Wasser neben ihn und drückte ihm eine Bürste in die Hand. Brummelte dann ein paar Worte in schottisch und bekräftige seinen Befehl mit einem aufmunternden Tritt in Tonios Seite, der ihn ächzend zu Boden schickte. Mühsam quälte er sich wieder auf die Knie, umklammerte die Bürste und tauchte sie zitternd ins Wasser. Seine Schulter schmerzte mit jeder Bewegung seiner Muskeln und die aufgehende Sonne brannte in den blutigen Striemen auf seinem Rücken, aber sein Schinder kannte keine Gnade. „Los! schrubb das Deck, Faulpelz!“, hielt er den Gefangenen an, als er erschöpft inne hielt, und ließ den geknoteten Schlag einer Peitsche vor dessen Gesicht auf die Planken prasseln, so dass er die Arbeit hastig wieder aufnahm, er musste die Worte des Piraten nicht verstehen, die Geste sprach für sich.

      Nichts zu essen, nur alle drei bis vier Stunden eine halbe Tasse schales Bier, die gnadenlose Sonne auf seiner nackten, gemarterten Haut und ein Aufseher, der keine Schwäche duldete; Tonio hatte erhebliche Mühe, sich auf allen Vieren zu halten, Schmerz und Müdigkeit umnebelten seinen Sinn mit Übelkeit und Schwindel, ließen ihn immer wieder halb bewusstlos in sich zusammen sackte. Doch jedes Mal holte ihn ein Eimer kühlen Salzwassers wieder ins Leben zurück.

      So verging auch dieser Tag irgendwann, ein Tag voller Qual, Erniedrigung und Entbehrung, der am Abend, als man ihm die Gnade erwies, ihn in sein stinkendes Verließ zurück zu bringen, seinen Tribut forderte und ihn ohne Umwege ins Reich der Träume überließ.

      Mitten in der Nacht jedoch schreckte er auf. Ein Alptraum hatte ihn geweckt und ihn am ganzen Körper in Schweiß gebadet. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in die umgebende Dunkelheit, doch das Bild wollte nicht weichen. Vor ihm stand Isabel, in ein weißes, leichtes Kleid gehüllt, den roten sinnlichen Mund zu einem lautlosen Schrei geöffnet während sich mit jedem Wimpernschlag tiefrote Schnitte in dem weißen Stoff abzeichneten, aus denen plötzlich Blut heraus sprudelte.
      Das Grauen hielt ihn fest in seinen Klauen, denn nun plagten ihn furchteinflößende Halluzinationen, ausgelöst durch ein heftiges Fieber, welches ihm mit Schüttelfrost zusetzte.
      Am nächsten Morgen sah der junge Spanier aus wie der fahle Tod, blass und zitternd, schweißnasse Haarsträhnen wirr im Gesicht und die großen Augen mit dunklen Rändern versehen, sodass selbst der Sklaventreiber bei seinem Anblick die Augen zusammenkniff und sich am Kopf kratzte.
      Trotzdem zerrte der Mann ihn aus seinem Verlies heraus aufs Deck und drückte ihm Kübel und Bürste in die Hand.

      Apathisch nahm Tonio seine Arbeit auf. Er war wieder an dem Punkt angelangt, an dem er bereit war, zu sterben. Einige der Wunden hatten sich entzündet und eiterten bereits, aber auch das kümmerte scheinbar niemanden.
      Warum also, flüsterte ihm sein gemarterter Verstand zu, sollte er dem Ganzen nicht einfach ein schnelles Ende setzen?

      Dann war der Moment gekommen, in dem er sich unbeobachtet fühlte. Sein Aufseher war gerade damit beschäftigt, neues Wasser zu holen, da nahm Tonio seine letzten Kräfte zusammen und humpelte, so schnell es seine Fußfessel zuließ, zur Reling und schwang sich hinüber.
      Vom platschenden Geräusch des Wassers aufgeschreckt, schnellte der Pirat herum und sah zu der Stelle an der der Sklave zuvor noch gekniet hatte. Bleich vor Schreck rief er seinen Leuten in den Masten ein „Mann über Bord“ zu und sprang ohne zu zögern hinterher. Er musste ein gutes Stück tauchen, denn die schweren Eisenketten hatten den Lebensmüden schon in die Tiefe gezogen, doch es gelang ihm, den Bewusstlosen unversehrt wieder an Bord zu schaffen.

      An diesem Tag musste Tonio nicht mehr arbeiten.
      Man kettete ihn an den Hauptmast und ein Mann wurde gerufen, der scheinbar die Funktion eines Schiffsarztes inne hatte. Dieser besah sich die Wunden, schmierte hier und da eine stinkende, aber schmerzlindernde Salbe darauf und gab Tonio einige Blätter vom Kokastrauch zu kauen. Die Behandlung hatte eine erstaunliche Wirkung, sie nahm ihm nicht nur die Schmerzen, sondern auch den Hunger und die trüben Gedanken, selbst das Fieber verließ nach und nach seinen gemarterten Körper.


      In den nächsten Tagen besserte sich sein Zustand, dank der regelmäßigen Fürsorge des Arztes so weit, dass man ihn wieder arbeiten ließ.
      Da er aber nach wie vor nichts zu essen bekam, wurde er trotz Genesung seiner Wunden immer schwächer. Er war sich nicht sicher, ob man ihn nun gar nicht, oder nur sehr langsam sterben lassen wollte, aber selbst darüber konnte er nicht mehr nachdenken, denn nun gewann der Überlebensinstinkt auf Kosten der Vernunft die Oberhand und Tonio konnte nur noch an eines denken: Essen! Er musste essen, und wenn es seinen sicheren Tod bedeutete...

      ***

      Hier war er nun, direkt vor der Türe der Messe…

      (Bei Bedarf folgen weitere Kapitel)



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