Das Mädchen auf der Schaukel

      Das Mädchen auf der Schaukel

      Ich hatte schon länger vor, diese Geschichte zu schreiben. Heute fühlte ich, dass es so weit ist ;)
      Es ist etwas Besinnliches... zum Nachdenken. Auch wenn es anfangs vielleicht nicht so scheint. Naja, lest es euch durch und sagt selbst mal was dazu. Ist nicht allzu lang, nur etwa 3-einhalb Seiten in Word.
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      Das Mädchen auf der Schaukel




      An einem kühlen Nachmittag im Spätherbst sitze ich auf einer Bank, während sie, einige Meter von mir entfernt, auf der Schaukel sitzt und so hoch schwingt, als versuche sie den Himmel zu berühren. Ich beobachte sie vergnügt, stelle aber betrübt fest, dass der Winter näher rückt. Es wird immer kälter.

      Sie schaukelt und schaukelt und lacht und sieht zu mir herüber, während ihr fröhliches Gesicht ein Trost an diesem windigen Tag für mich ist. Schließlich kann ich mich auch zu einem dankbaren Lächeln durchringen.
      Ich bin tatsächlich dankbar, dass sie hier bei mir ist. Wir sind zusammen durch die schwierigsten Zeiten gegangen und ich sehe es als das größte Glück auf Erden an, dass sie immer noch hier bei mir ist.


      Ich sitze im Zug. Die Wellen schlagen gegen die Brandung und ich frage mich, wohin sie mich führen können, wenn ich ins Wasser springe. Der Zug hält. Ich gehe an Land.



      Meine Eltern starben noch bevor ich eingeschult wurde, zusammen mit meiner jüngeren Schwester, bei einem Autounfall. Meine Schwester war zwei Jahre jünger als ich und als ihr großer Bruder war ich immer damit beschäftigt, sie zu beschützen. Ich hegte und pflegte sie, hielt ihr gemeine Kinder vom Hals, kaufte ihr Süßigkeiten und passte abends auf sie auf, wenn unsere Eltern ausgingen. In der Beschützerrolle schien ich mich selbst zu verwirklichen, doch mit dem Autounfall wurde mir das alles genommen. Ich wurde fortan von meiner Großmutter erzogen. Sie hielt mich am Leben so gut sie konnte. Zu mehr war sie nicht mehr fähig. Als Mutter war sie schon bei meinem Vater überfordert gewesen, weshalb ich wohl nicht viel mehr war als ihr neuestes Hindernis. Selbst wenn ich ihr leid tat und sie mir helfen wollte, so war sie mit mir vollkommen überfordert. Sie konnte mir nur jeden Tag etwas zum Essen kochen und stillschweigend mit ansehen, wie ich mich immer weiter selbst verlor.

      Ein Jahr später lernte ich sie kennen. Sie hat mich gerettet. Nachdem ich sie getroffen hatte, war ich langsam wieder in der Lage aufzutauen. In der Grundschule gingen wir in dieselbe Klasse. Richtig kennen lernen tat ich sie allerdings erst an einem regnerischen Tag auf dem Spielplatz. Das Wetter hatte mich auf dem Heimweg überrascht. Meine Idee war es, mich unter einen großen Pilz zu stellen – eine Attraktion des Spielplatzes. Sie überraschte mich damit, dass sie schon vor mir dort Zuflucht gesucht hatte. So standen wir zusammen einige Zeit wortlos unter dem großen Pilz und warteten, bis das Regenwetter vorüberging. Aber es regnete noch eine ganze Stunde. Seitdem trafen wir uns öfters auf dem Spielplatz und stellten uns unter den großen Pilz – auch wenn es gar nicht regnete. Nur um uns zu unterhalten.

      Unsere tiefe Freundschaft veränderte mich von Grund auf. Ich unterhielt mich des Öfteren mit meiner Großmutter und sogar meine Noten in der Schule verbesserten sich. Allein die Tatsache, dass ich nach der Schule wieder mit ihr zusammen spielen konnte, löste in mir eine nahezu überschwingliche Motivation aus. Von den anderen Kindern wurde ich ab und an geärgert, weil ich nicht zu ihrem Kreise gehören wollte. Immerhin hatte ich alles, was ich brauchte. Ich nehme an, dass es in diesem Alter ungewöhnlich aussah, wenn ein Junge nur mit einem Mädchen verkehrte. Das alles interessierte mich überhaupt nicht. Letztlich gingen wir auf dieselbe weiterführende Schule und kamen sogar wieder in dieselbe Klasse. In der Mittelstufe verloren wir uns ein wenig im Trott der pubertierenden Jugend. Schule war nicht mehr so interessant wie Schwimmbadbesuche, Kino, die ersten Kontakte mit Alkohol und sonstige Jugendsünden. Mich wundert nur, dass ich zu dieser Zeit kaum einen Gedanken an Sexualität verschwendet habe. Möglicherweise war ich schon zu sehr an den Zustand gewöhnt, mit einem Mädchen zusammen zu sein, als dass ich mich vor ihr scheuen musste.


      Ein Kind steht allein im Wald. Ich schaue daran vorbei, weil ich dich in den Tannen sehe. Du winkst mir zu, dir zu folgen. Was bist du für mich? Was bin ich für dich?



      Als wir Ende der Mittelstufe in unterschiedliche Klassen kamen, schien eine Welt für uns unterzugehen. Sicher, wir sahen uns immer noch so oft wie früher, aber es gab keinen Moment, an dem ich im Unterricht nicht an sie dachte. Wie ich später herausfinden sollte, war es ihr genauso ergangen. Vielleicht wurde mir zu diesem Zeitpunkt erst wirklich bewusst, welche Zuneigung ich für sie empfunden hatte. Während ich mich langsam wieder auf die Schule konzentrierte, kam sie nicht richtig aus ihrer Jugend heraus. Sie ließ die Schule schleifen und redete nicht viel. Sie schaffte es gerade so in die Oberstufe, in der sie im Schwerpunkt die gleichen Kurse wie ich wählte – nur damit wir wieder zusammen waren. Wir konnten die Welt nicht verstehen. Wir waren jung und kannten die Richtung nicht, die in die Zukunft führt. Einen Teil dieser Wahrheit, die die Mysterien des Lebens umgibt, wollten wir zusammen ergründen. Ich war 17 und am Zenit meiner Jugend angelangt. Du warst ein Jahr jünger und hat mir blind vertraut. Vielleicht zu blind. Aber in dieser Nacht war ich glücklich darüber, dass du dich mir anvertraut hattest und keinem anderen. Wir lagen die ganze Nacht nebeneinander. Am nächsten Morgen schneite es.

      Mein Abschluss befähigte mich zu einem Studium, das ich aufgrund von mangelnder Zukunftsorientierung noch im selben Jahr begann. Ich wurde zwar im Kreiswehrersatzamt zur Musterung bestellt, dann aber aufgrund meines gebrechlichen Körperbaus für unfähig erklärt (ich litt zu dieser Zeit tatsächlich schon fast an Magersucht).

      Sie folgte mir an die Universität und wählte erneut dieselben Schwerpunkte wie ich. Zwar konnte ich ihre fahrlässige Entscheidung kaum gutheißen, aber ich war insgeheim froh, dass sie sie getroffen hatte. Unter meinen Kommilitonen hatte ich kaum Kontakte. Ich war und blieb ein Einzelgänger, wenn man davon absah, dass sie an meiner Seite war. Sie bemühte sich ebenso wenig um andere Kontakte, weshalb ich es für unangebracht hielt, selbst welche zu finden. Wir gingen zusammen in Bars und schossen uns mit Tequila alle Lichter aus. Danach hatten wir meistens Sex und unterhielten uns bis tief in die Nacht hinein über die Zukunft. Unsere Studentenzeit war verludert und im Großen und Ganzen sinnlos. Gleichzeitig war sie die großartigste Zeit meines Lebens. Niemals hatte ich mich so stark in die Obhut eines anderen Menschen begeben. Ich hatte mein Leben voll und ganz in ihre Hände gelegt. Selbst jetzt spüre ich diese Zeit so präsent, als umgebe sie mich immer noch und fülle meine müden Knochen mit neuem Leben. Ich bin nicht alt, nur müde und schwach. Du bist das Einzige, was mir geblieben ist.


      Das Bild verschwindet langsam im Schnee.
      Wir weinen.
      Wir laufen durch ein schneebesetztes Feld.



      Im Winter vor unserem letzten Semester beflügelte uns der Gedanke, die Zukunft gemeinsam zu verbringen. Ich wollte immer bei ihr sein. Ich wollte sie immer beschützen und der einzige Mensch sein, dem sie vertrauen konnte. Ich wollte ihr das geben, was ich niemals hatte.

      Es schneite so heftig, dass der Schnee auf den Straßen knöchelhoch war. Da die Stadt schon in den vorigen Jahren den Winterdienst vollkommen verschlafen hatte, machten wir uns auch diesmal keine Hoffnungen und mussten uns – wie erwartet – im hohen Schnee zum Bahnhof durchschlagen. Wir neckten uns, unbekümmert des grausamen Wetters. Ich rannte ein paar Schritte voraus, um sie zu ärgern. Sie versuchte mitzuhalten, rutschte aber in der Glätte des festgetretenen Schnees aus. Ich lachte ihr herzhaft entgegen, als sie ihr Gesicht aus dem Schnee hob und verzweifelt in meine Richtung sah. Dann rutschte das Fahrzeug, das zu schnell in die Kurve gegangen war, unkontrolliert auf den Gehsteig. Dort wo sie im Schnee gelegen hatte, beobachtete ich unter Schock das Auto – sie irgendwo darunter begraben und nicht mehr sichtbar. Sie starb sofort.

      Dieses Mädchen auf der Schaukel, das ist nicht sie. Auch wenn das Mädchen nur für mich lacht, so wie sie es immer getan hat. Manche Leute sagen mir, dass sie von Anfang an gar nicht existiert habe. Doch ich weiß: Das ist gelogen. Sie war nur für mich da und ich nur für sie. So wie auch heute noch.

      Während sich der Tag dem Ende neigt, schaukelt sie immer höher. Die blutroten Farben der untergehenden Sonne vermischen sich mit dem Gold des Himmels. Sie schaukelt und schaukelt und lacht und sieht zu mir herüber, während ihr fröhliches Gesicht ein Trost an diesem windigen Tag für mich ist. Schließlich kann ich mich auch zu einem dankbaren Lächeln durchringen. Ich sitze hier und verliere mich in Sequenzen unseres Daseins.

      Das Mädchen auf der Schaukel lächelt. Ich lächele zu ihr zurück.






      © Julian Jungermann, 13. Mai 2012
      Es tut mir gerade so Leid wie selten, dass ich nicht eloquent genug bin, um die Worte zu liefern, die so ein Werk verdient und vielleicht bin ich gerade auch einfach nur in einer zu seltsamen Stimmung oder so... aber Deine Worte sind (nicht zum ersten Mal, wie Du sicher weißt) wirklich wunderschön gewählt, um so eine "Geschichte" zu zeichnen... Wahnsinnig schöne Arbeit, die Du da geleistet hast.
      No weapons.
      Just words.
      Nachdem ich die Geschichte jetzt schon zum zweiten Mal gelesen habe, versinke ich immer noch darin und werde von deinem wirklich genialen Erzählstil mitgerissen - bravo, Jungermann-kun!
      Stilistisch außergewöhnlich sind sicherlich die Einschübe der Gedankenberichte. Das mag für manchen Leser den Fluss unterbrechen, mir sagt es aber sehr zu. Die teilweise großen Zeitsprünge und das Auslassen von Details regt die Fantasie des Lesers an, sodass ein jeder seine eigene Geschichte erschaffen kann.
      Hey JayJay, endlich kam ich mal dazu deine Geschichte zu lesen und ich kann dir eines sagen: Ich bin begeistert.

      Erstaunlich wie du die in jedem Satz leicht mit schwingende Melancholie erzeugt hast. Wie du aufgezeigt hast, dass es immer anders kommt als man denkt und man dem Malstrom nicht entkommen kann.

      Mir fehlen langsam die Worte, dieses Werk ist ein wahres Kunststück. Ich habe den Thread mit 10/10 Punkten bewertet. :)

      Mfg, Samael.
      [glow]Kehre dein Innerstes nach außen und blicke in den Spiegel, kannst du den Anblick ertragen?[/glow]

      Danke auch dir, Samael. So motivierende Sachen zu lesen ist echt schön ;)

      Ich hab euch mal eine Interpretation geschrieben, weil es verschiedene Lesarten gibt.
      Ihr könnt ja mal preisgeben, welche Lesart ihr hattet. Oder vielleicht noch eine ganz andere?? ^^



      Spoiler anzeigen

      Wenn man sich die kursiven Stellen im Text anschaut, ergeben sich einige aufschlüsselnde Fakten über die Hauptfigur.

      Ich sitze im Zug. Die Wellen schlagen gegen die Brandung und ich frage mich, wohin sie mich führen können, wenn ich ins Wasser springe. Der Zug hält. Ich gehe an Land.

      Er sitzt im Zug und träumt. Er ist introvertiert und lieber für sich, kann wahrscheinlich auch nicht gut Kontakte knüpfen. Außerdem hat er ja seine Eltern verloren. Dass er in die Wellen springen will, deuten auf Selbstmordgedanken hin. Und dennoch geht er immer wieder an Land, wenn der Zug hält.

      Dann kommt die Sequenz mit der Großmutter. Sein Leben geht im langweiligen Trott weiter. Dann kommt das Mädchen. Er lernt sie kennen und plötzlich wird alles besser: Grundschule, weiterführende Schule etc. Die Zeit rennt davon und immer ist sie bei ihm.

      Dann der nächste kursive Abschnitt

      Ein Kind steht allein im Wald. Ich schaue daran vorbei, weil ich dich in den Tannen sehe. Du winkst mir zu, dir zu folgen. Was bist du für mich? Was bin ich für dich?

      "Ein Kind steht allein im Wald" bezieht sich auf die Hauptfigur selbst. Er ist allein an einem ihm unheimlichen Ort. Aber er schaut an sich vorbei, weil der Mädchen irgendwo im Hintergrund steht. Das heißt zum einen, dass er sie als eine Art Rettungsring sieht. Andererseits verdrängt er aber auch die Tatsache, die direkt vor ihm steht: Dass er allein ist.

      Irgendwann gehts ins Studium, weil er sonst perspektivenlos ist. Sie nimmt denselben Studiengang, nur um bei ihm zu sein, obwohl sie wesentlich schlechter abgeschnitten hat als er. Dann aber:

      Das Bild verschwindet langsam im Schnee.
      Wir weinen.
      Wir laufen durch ein schneebesetztes Feld.


      Hier wird er langsam in die Realität zurückgeholt: "Das Bild verschwindet im Schnee." Das Mädchen war nur eine Einbildung, mit der er sich selbst retten wollte. Ein Schutzmechanismus seines psychischen Apparates. Dass sie nun an einem Autounfall stirbt ist natürlich seine Vergangenheit, die ihn einholt. Wieder raubt ein Autounfall sein Glück.

      Dieses Mädchen auf der Schaukel, das ist nicht sie. Auch wenn das Mädchen nur für mich lacht, so wie sie es immer getan hat. Manche Leute sagen mir, dass sie von Anfang an gar nicht existiert habe. Doch ich weiß: Das ist gelogen. Sie war nur für mich da und ich nur für sie. So wie auch heute noch.

      Hier verschimmt die Fantasy mit der Realität (oder die Kursivschrift geht in Standard-Text über). Man kann jetzt überlegen, ob er sich dieser Einbildung bewusst ist oder nicht... Zumindest ist hier auch der Hinweis, dass er in Behandlung war.

      Das Mädchen auf der Schaukel lächelt. Ich lächele zu ihr zurück.

      Der Satz impliziert, dass er es gar nicht anders will. Er will dem Mädchen beim Schaukeln zusehen. Er aktzeptiert ihre Existenz und verliert sich in Sequenzen ihres Daseins - ob sie nun real waren oder nicht.

      Verschiedene Lesarten sind z.B. dass das Mädchen tatsächlich existiert hat und er sie sich jetzt einbildet, d.h. er hat sein Trauma erst NACH dem Unglück ihres Todes bekommen.
      Eine andere Möglichkeit wäre, dass sie existiert hat und er sieht sie nun vor seinem inneren Auge, d.h. er ist nicht psychisch krank, sondern schwelgt in Erinnerungen. Das lässt aber Raum für die Theorie zu, dass er trotzdem nicht in sein Leben zurückfinden konnte, weil er immer noch in der Vergangenheit lebt.
      Oder eben sie hat NICHT existiert. Dann bildet er sie sich nach wie vor ein und will es auch gar nicht anders.

      Ich finde, alle drei Lesarten sind hier möglich, vielleicht sogar mehr.
      Das bleibt dem Leser überlassen ;)

      Ich habe zumindest versucht, die Geschichte so zu kontruieren.
      Lesart 3 war aber diejenige, die ich mir beim Schreiben und konstruieren der Geschichte gedacht habe ^^
      Der dritte Weg war ehrlich gesagt auch meine erste Interpretationsversion und nach einigen Gedanken- und Lesedurchgängen auch die "finale" - wenn man das überhaupt so sagen kann, denn gerade, dass diese anderen Möglichkeiten stellenweise immer wieder so klar durchschimmern, macht den Text ja so ungemein faszinierend. Es ist selten genug, dass jemand die Grenzen von Realität und Kopfwelt eines Protagonisten so fließend gestaltet, dass der Leser selbst nicht mehr weiß, was noch Sache ist, ohne dass sich das gesamte Textkonstrukt völlig seltsam oder überzogen liest...
      No weapons.
      Just words.