Die Union der verlorenen Seelen

      Die Union der verlorenen Seelen

      Hier stelle ich euch mal den Anfang meines aktuellen Projektes rein.
      Es ist noch in der Mache, aktuell bin ich auf Seite 232.
      Kommentare sind unbedingt erwünscht! Da es der Anfang ist, muss er natürlich besonders aussagekräftig sein ;)

      Der Teil hier entspricht übrigens 13 Seiten A5 .

      LG JayJay


      Edit: Na, zu verrückt? Oder zu lang? :D
      Ich vermisse Kommentare, wie..... "zu verrückt und viel zu lang als Leseprobe!!" :D

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      1


      „Da ist er!“
      „Wir haben ihn!“
      „Ich gehe.“
      „Warte, Rob! Wir dürfen nicht-“
      „Wenn wir uns jetzt nicht einmischen, ist alles vorbei!“
      „Denk dran: Du darfst nicht so viel-“
      „Ich weiß, ich weiß! Ich bin dann weg.“
      Rob verließ die dunkle Kommandozentrale, die nur von dem künstlichen Licht der Monitore erhellt wurde, und ließ die anderen Drei zurück. Den sonst so langen Weg durch die sich endlos streckenden, steril wirkenden, weißen Korridore des Stützpunkts legte er in beachtlicher Geschwindigkeit zurück. Mitten im vorbeirauschenden Meer aus weißer Farbe stoppte er und betrat einen der Räume zu seiner Rechten, verschwand darin und damit spurlos.
      Zur selben Zeit, etwa 22 Uhr, standen zwei Gestalten in der Seitenstraße einer mitteleuropäischen Kleinstadt über eine Person, die am Boden kauerte, gebeugt – bereit, über ihre Beute herzufallen. Als sie bemerkten, dass sie nicht allein waren, sahen sie auf und starrten ihn völlig perplex an, diesen Jungen, von dem das Licht der Straßenlaterne nur eine bedrohliche Silhouette preisgab.
      „Das ist-!“
      „Wollt ihr mir etwa meine Beute stehlen?“
      Die zwei Abarten sahen gebannt, zitternd vor Anmut und Lebensangst, auf seine Facette, die in Schatten gehüllt war, sprangen auf und ergriffen die Flucht. Der Dritte lag am Boden und rührte sich nicht. Er hatte das Bewusstsein verloren.
      Das macht es einfacher.
      Rob kam ihm näher und betrachtete ihn eine Weile. Als er in das zarte Gesicht eines Jungen sah, erkannte Rob alles, was kommen würde. Er seufzte etwas mitleidig, nahm ihn auf den Arm und verschwand ebenso spurlos, wie er erschienen war.


      Crye wachte in einem Krankenzimmer auf. Hinter seiner Stirn schien eine Nadel zu sitzen, die ihm in seinen linken Augapfel stach. Er kniff die Augen zusammen, weil ihm das Licht an der Decke noch mehr Kopfschmerzen bereitete. Sein Körper fühlte sich taub und kraftlos an. So hatte er sich noch nie gefühlt – wie ein Wrack, bei dem sich eine Bergung nicht mehr lohnen würde.
      „Tut es noch sehr weh?“
      Die Stimme war angenehm und kam aus seinem direkten Umfeld. Crye zwang sich, die Augen einen Spalt zu öffnen und drehte seinen Kopf nach rechts, um die schemenhaften Umrisse eines Jungen zu erkennen, der an seinem Bett saß. Sein Haar war braun und wild, mittellang und wirkte ein wenig rebellisch. Auch seine Augen hatten eine braune Farbe, die aber etwas dunkler war als die seiner Haare; ja, fast schwarz. Zu ausführlicheren Analysen konnte er sich nicht bewegen. Er schloss die Augen wieder, weil ihm schwindelig wurde.
      „Ist schon okay. Wir bekommen dich schon wieder hin. Ruhe dich erstmal ein bisschen aus, okay?“
      Crye wollte den Jungen nach seinem Namen fragen, wollte ihm danken, wollte wissen, wo er überhaupt war und warum er ihn gerettet-
      Was ist eigentlich passiert?
      Er riss die Augen auf und starrte seinen vermeintlichen Retter verzweifelt an, der jetzt besorgt auf ihn herabblickte. Crye konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, was in dieser Seitenstraße geschehen war.
      Und davor. Heilige Scheiße!
      „Was hast du? Alles okay? HEY!“
      Cryes Blick wurde langsam schwummerig. Ehe er realisieren konnte, dass eine Krankenschwester seinen Speichel abwischte, war er wieder weggetreten.


      Als er wieder aufwachte, ging es ihm schon wesentlich besser. Der Junge saß immer noch neben seinem Bett und sah nun zufrieden zu ihm herab.
      „Geht’s jetzt besser?“
      „Ich denke schon.“
      Crye konnte wieder reden. Es ging leichter, als er gedacht hatte. Zuvor hatte er kein Wort herausbekommen – nicht aus Angst oder Aufregung, sondern weil er einfach nicht in der Lage dazu gewesen war. Ein beunruhigendes Gefühl.
      „Wer bist du? Was ist passiert?“
      „Mein Name ist Rob. Ich hab dir aus einer, sagen wir, misslichen Lage geholfen und nun bist du hier.“
      „Was bedeutet hier?“
      „Das hier ist die Union. Wir sind ein ziemlich gruseliger Verein, wenn du mich fragst. Aber es gibt da noch einen weiteren Verein, der ist meiner Meinung nach noch viel gruseliger, und der hat dich angegriffen.“
      „Warum?“
      „Woher soll ich das denn wissen? Ich wünschte mir selbst manchmal, dass ich ihre verquerten Gedankengänge besser verstehen würde. Nichts als Ärger machen die.“
      „Wer sind die?“
      „Die nennen sich der Orden, aber das würde jetzt zu weit führen.“
      „Und wir sind jetzt gerade in eurem Stützpunkt?“
      „Sehr richtig!“
      Rob grinste freundlich und schien amüsiert darüber zu sein, dass Crye so viele Fragen stellte.
      „Es ist komisch.“, sagte Crye, „Ich kann mich kaum an etwas erinnern. Nur an meinen Namen.“
      „Nun, du hast einen ordentlichen Schlag auf den Kopf bekommen. Waren zwei üble Burschen, die dich da verhauen haben. Aber das wird schon wieder. Unsere Leute von der Krankenstation sind super und wenn die sagen, dass du dich bald wieder erinnerst, kannst du dich darauf verlassen, dass das auch so sein wird. Wie heißt du denn eigentlich?“
      „Tut mir leid, das war unhöflich von mir. Ich bin Crye.“
      „Schwamm drüber! Du solltest für den Rest des Tages im Bett bleiben. Nett dich kennen zu lernen, Crye!“
      „Aber-“
      „Ich bleib so lange hier, wie du willst. Kannst mir Löcher in den Bauch fragen bis du nicht mehr reden kannst – versprochen!“, lachte Rob und zwinkerte mit dem linken Auge. Crye wurde etwas wohler zumute, da er spürte, dass Rob ihm nichts Böses wollte.
      Das erste Mal seit langer Zeit konnte er von sich behaupten, dass er sich wirklich wohl fühlte.

      2


      „Was soll das heißen ‚ich kann nicht zurück’?“
      „So wie ich es gesagt habe, Crye.“, antwortete Rob und sah mit aufeinander gepressten Lippen zu ihm herab, als wollte er ihm sagen, dass irgendetwas gehörig falsch gelaufen sei. Genauso fühlte sich Crye auch: Da war etwas eindeutig fehl am Platz. Es war nicht zuletzt er selbst, aber Rob schien es ernst zu meinen.
      „Weil ich jetzt über euch Bescheid weiß, oder was? Was habt ihr überhaupt mit mir vor?“
      Rob schloss die Augen und seufzte. Es fiel ihm wohl schwer, die nächsten Worte zu finden, aber Crye hatte im Moment wenig Mitleid. Wäre er nicht immer noch so kraftlos gewesen, dann wäre er Rob am liebsten an den Hals gesprungen.
      „Es hat nichts damit zu tun, dass du jetzt weißt, wer wir sind. Es geht eher um den Ort, an dem du dich befindest. Wer einmal hier war, ist an diesen Stützpunkt gebunden. Wie erkläre ich das am besten?“
      „Ich weiß nicht, aber ich hoffe, dass du es bald schaffst!“
      Rob fiel es nicht schwer, die Verärgerung in seinem Gesicht zu lesen.
      „Fangen wir die ganze Geschichte so an: Wir befinden uns gerade nicht in der Welt, die du kennst.“
      „Was soll das denn heißen?“
      „Eigentlich befinden wir uns nicht mal in dem Sonnensystem, in dem sich die Erde befindet.“
      „Wovon redest du bitte?“
      „Wir befinden uns in einer Parallelwelt, die Einfluss auf das Gleichgewicht des gesamten Universums hat. In dieser Welt hausen nur zwei Arten von Lebewesen: Diejenigen, die die Union unter sich versammelt hat und unsere Todfeinde: Der Orden. Wir sind in einen Konflikt verwickelt, der bis zur Schöpfung zurückreicht.“
      „Mit Schöpfung meinst du-?“
      „Die Schöpfung allen Lebens, ja, selbst aller Materie, die sich aus dem ewigen Nichts gebildet hat.“
      „Du bist völlig verrückt.“
      „Ich könnte es dir jederzeit beweisen, aber es wäre besser, wenn du es selbst herausfindest.“
      „Und du, Jungchen? Wie lange kämpfst du schon gegen den Orden? Du bist doch kaum älter als ich.“
      Rob lachte kurz auf und lächelte Crye dann eine Weile an, bis er die Augen schloss, eine Weile überlegte, sie wieder öffnete und schließlich antwortete.
      „Keine Ahnung wie lang. Aber ich habe damals in der ersten Schlacht gegen den Orden gekämpft.“
      „Die erste Schlacht? Das war dann-?“
      „Kurz nachdem die Menschheit beschlossen hat, ihr Wissen über die transzendentalen Teilchen zu begraben. Ich gehöre zu den ersten Menschen nach der Schöpfung.“
      „Das wird mir echt zu blöd. Du kannst unmöglich so alt sein – ist dir das überhaupt klar? Du solltest mal die Hilfe eines Seelendoktors aufsuchen. Wir sind bestimmt in irgendeinem Krankenzimmer eines stillgelegten Fabrikgeländes und ihr haltet mich hier fest. Außerdem redest du mir ein Ohr ab über irgendwelche Teilchen. Ich glaub es einfach nicht.“
      „Transzendentale Teilchen. Das ist die Essenz allen Seins. Alles besteht aus diesen Teilchen.“
      „Du meinst Atome oder so?“
      „Nein, noch kleiner. Wesentlich kleiner. Ich spreche hier nicht von Materie allein, sondern von allem, was im Raum enthalten ist. Auch von Luft, von Zeit. Transzendentale Teilchen sind die Essenz des Universums. Wir glauben, dass das Chaos früher aus diesen Teilchen bestand und sich irgendwann, durch eine große, zufällige Ansammlung derer, ein Bewusstsein gebildet hat, dass sie kontrolliert und das Universum erschaffen hat. Die Menschen sind Externalisierungen dieses Bewusstseins – sie bildeten sich höchstwahrscheinlich nach seiner Vorstellung von einem Lebewesen. Und wie dieses Bewusstsein können die Menschen transzendentale Teilchen kontrollieren. Oder vielmehr: Sie konnten es.“
      „Deshalb kannst du mir sicher auch nicht demonstrieren, wie so etwas funktioniert, nicht? Und deshalb ist alles, was du sagst, Unsinn.“
      „Falsch, Crye. Ich kann es dir zeigen. Ich kann dir sogar beibringen, wie es geht. Wäre dir das Beweis genug?“
      Crye sah Rob fassungslos an. Er fragte sich einen Moment, ob Rob ihn einfach nur anlog oder ob er geisteskrank war. Wenn er krank im Kopf war, so erzählte er Crye gerade voller Leidenschaft das, von dem er glaubte, dass es real wäre. Das schien Crye im Moment am wahrscheinlichsten, denn Rob war wirklich in seine Erklärungen vertieft. War er aber klar bei klarem Verstand, dann log er ihn sicherlich an, um irgendetwas zu erreichen. Rob könnte ein guter Lügner sein. Ob er so etwas wohl öfters machte? Vielleicht war er auch klar bei Verstand und glaubte dennoch an seine Worte? In diesem Fall müsste er irgendeiner Sekte angehören. Die Union? Der Orden? Hörte sich für Crye unheimlich stark nach Sekten und Glaubenskriege an.
      „Woran glaubt der Orden?“, prüfte Crye.
      „An das Gleiche, da er genauso alt ist wie wir. Allerdings vertreten sie ein anderes Ideal.“
      „Und das wäre?“
      „Sie glauben, dass die Menschheit ein Recht hat, die Teilchen zu kontrollieren.“
      „Und ihr glaubt, dass sie das nicht sollte?“
      „Richtig.“
      „Warum, wenn ich fragen darf?“
      „Darfst du. Es ist ganz einfach: Eine Kontrolle über die Teilchen ist unglaublich gefährlich. Es ist beispielsweise möglich, ab einem bestimmten Könnensstand so viel Schaden anzurichten, dass ganze Planeten darunter leiden können.“
      „Das verstehe wer will.“
      „Es ist nur verständlich, dass du es nicht verstehst. Es ist, ehrlich gesagt, auch schwer zu erklären. Nun, stell dir folgendes vor: Der Planet Erde besteht bis in seine kleinsten Bestandteile aus transzendentalen Teilchen. Nun käme ein Nutzer, der eine so starke Begabung hat, dass er die Teilchen, die in den Grundfesten der Erde sitzen, manipulieren kann. Was würde geschehen?“
      „Okay, jetzt verstehe ich’s. Zumindest die Logik dahinter. Ihr habt also entschieden, dass so etwas gefährlich ist. Und der Orden pocht auf sein Recht, solche Freiheiten zu haben.“
      „So könnte man es sagen.“
      „Gewissermaßen haben sie Recht. Ihr schränkt ihre Freiheit ein.“
      „Gewissermaßen haben sie das. Aber auch wir haben Recht. Dadurch, dass wir sie verbannt haben, konnte die Erde bis zum heutigen Tage bestehen. Ohne das Wissen über die Teilchen.“
      „Wenn du angeblich so alt bist, warum siehst du dann noch so jung aus?“
      „Ich bin eigentlich auch schon uralt, aber mein Körper ist auf einem Stand geblieben, auf dem er die Teilchen am besten kontrollieren kann. Sagen wir: Ich bin auf dem Gipfel meiner Jugend angelangt. Das ist übrigens bei jedem der Fall, der die Teilchen auf einem bestimmten Niveau kontrolliert: Der Körper, der selbst auch aus transzendentalen Teilchen besteht, bleibt auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung stehen, um die Kontrolle zu perfektionieren.“
      „Das hört sich ja super an.“, schmunzelte Crye, „Nie mehr altern, was? Das haben schon viele Menschen versucht zu erreichen. Hätten sie nur von den Teilchen gewusst…“
      „Du glaubst mir immer noch nicht.“
      „Ist das nicht verständlich?“
      „Vielleicht wirst du mir glauben, wenn du die Ausbildung begonnen hast.“
      „Ausbildung?“
      „Da du dich inmitten eines Konfliktes befindest, der seit Jahrmillionen in einer Parallelwelt ausgetragen wird, kannst du nicht mehr zu deinem alten Leben zurückkehren. Du wirst als Kämpfer der Union in der Kampfkunst, der taktischen Planung und der Meditation ausgebildet. Die Meditation lehrt dich, die transzendentalen Teilchen zu spüren, dich als Teil von ihnen zu fühlen und sie zu kontrollieren. Die Kampfkunst basiert auf keinem System, das auf deinem Heimatplaneten, der Erde, bekannt ist. Kein Judo, kein Karate, kein Kung-Fu – rein gar nichts. Es besteht vollständig aus der Kontrolle und dem Einsatz transzendentaler Teilchen. Schließlich die taktische Planung, die für dein Verhalten innerhalb von Missionen unabdingbar ist. Du wirst geschult zu überleben. All dein Denken wird darauf ausgerichtet sein.“
      „Das ist mir zu viel.“
      „Keine Sorge: Dein Training beginnt erst in drei Tagen. Bis dahin kannst du dich ausruhen.“
      „Du willst mich verarschen, oder?“
      „Leider nicht.“
      „Warum kämpft ihr eigentlich schon so lange gegeneinander. Warum gewinnt keiner von euch?“
      „Weil niemand gewinnen darf.“
      „Was soll der Blödsinn?“
      „Wir dachten, dass die Versiegelung der Aufständischen in dieser Parallelwelt unsere Probleme lösen würde. Aber sie ist immer noch an das Universum gekoppelt. Gerät das Gleichgewicht hier außer Kontrolle, wirkt sich das folglich auf die andere Welt aus. Die Union ist die eine Elite, die sich dazu entschlossen hat, dem Orden in die Parallelwelt zu folgen, um das Gleichgewicht dieser Welt auszubalancieren. Würden wir den Orden zerschlagen, würde das Gleichgewicht kippen und alles wäre verloren.“
      „Warum kämpft ihr dann überhaupt?“
      „Das Gleichgewicht zu erhalten und das Wissen über die Teilchen unzugänglich für die Menschen zu machen – das ist unsere Aufgabe. Der Orden denkt anders: Seine Aufgabe ist es, das Gleichgewicht zu stören. Das Universum ins Chaos zu versenken und der Menschheit zu zeigen, wie der Schaden behoben werden kann – nämlich durch die Enthüllung des Wissens über die Teilchen. Das versuchen sie schon seit Ewigkeiten.“
      „Das heißt, der Orden schafft die Unruheherde und ihr reagiert?“
      „Richtig.“
      „Ihr seid schon arme Schweine.“
      „Danke für dein Beileid.“
      „Es war kein Beileid. Es war eine Feststellung.“
      „Ich mag dich schon jetzt, Crye.“
      „Das beruht nicht auf Gegenseitigkeit. Ich glaube immer noch, dass du mich für dumm verkaufen willst. Aber im Moment habe ich keine andere Wahl, als dir zu glauben. Ich bin es schließlich, der an dieses Bett gefesselt ist und du bist es, der auf mich herabsieht.“
      „Stört dich das so sehr?“
      Rob grinste verstohlen, aber es war keine Bösartigkeit darin. Crye verstand nicht, wie jemand wie Rob so ein reines, ehrliches Grinsen versprühen konnte, während er solchen Blödsinn erzählte.
      „In drei Tagen beginnt deine Ausbildung. Morgen beginnt die Einführung.“
      „Einführung? Sagtest du nicht etwas von drei Tagen?“
      „In drei Tagen beginnt dein Training im Klassenverband. Vorher musst du eine Einführung durchlaufen. Ich werde dich morgen persönlich dafür abholen.“
      „Morgen?“
      „Ich habe jetzt noch etwas zu erledigen. Ruh dich gut aus. Und sei bereit.“
      Rob stand auf und ließ den fassungslosen Crye zurück. Noch während er sich von dem Bett entfernte, schien Cryes Blick schwummerig zu werden. Das Zuhören hatte ihn müde gemacht, die Informationen sein Gehirn angestrengt. Als seine Kraft ihn vollkommen verlassen hatte, schlief er, erschöpft von diesem ganzen Nonsens, ein.

      (c) Julian Jungermann

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      Ein Kapitel gibt's noch. Aber dann schickt's auch.
      Außer es kommen noch Kommentare, dann über leg ich's mir :D

      LG
      JayJay

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      3


      „Hey.“
      Rob drehte sich um und bemerkte, dass Jill hinter ihm war. Inzwischen wunderte es ihn kaum noch, wenn sie einfach so auftauchte.
      „Hast du mitgehört?“
      „Hast du dir das auch gut überlegt?“
      „Hast du jemals an mir gezweifelt?“
      Rob drehte sich um und lief weiter, auch wenn er wusste, dass Jill sich nicht abhängen ließ. Eigentlich wollte er sie auch gar nicht abhängen, aber er konnte es sich einfach schon lange nicht mehr leisten, stehen zu bleiben.
      „Wir brauchen ihn. Ist dir das klar?“
      „Ich kann verstehen, was du denkst.“, versuchte es Jill nun etwas schlichtender, „Aber das kann ganz leicht nach hinten losgehen. Willst du das alles riskieren?“
      „Lass mich nur machen.“
      „Rob!“
      Jetzt hatte Jill ihn eingeholt und sein Handgelenk gepackt, um ihn aufzuhalten. Rob reagierte im Sekundenbruchteil, griff mit der selben Hand auf ihr Handgelenk um, drängte sie gegen die Wand und schlug mit der flachen Hand gegen das weiß gefärbte Metall neben ihrem Kopf. Dabei war er ihr so nahe wie lange nicht. Jills blaue Augen stachen in seine dunkelbraunen. Ihre Blicke waren elektrisiert. Langsam, ganz langsam wurden Jills Lippen von seinen angezogen wie ein Magnet, bis sie sich berührten. Dieses Gefühl hielt nur für einen flüchtigen Augenblick – kaum lange genug, um die Augen dafür zu schließen und ihm die Chance zu geben, von ihren Körpern Besitz zu ergreifen.
      „Tut mir leid.“
      Ihre Stimme war nur ein Flüstern. Rob trat keinen Schritt zurück, aber er senkte seinen Blick.
      „Wann musst du los?“
      „Noch heute Nacht.“
      Vorsichtig streichelte er über ihr Gesicht und durch ihr weiches Haar, als sei sie aus Porzellan. Sie trug ihre Haare mittellang, nicht ganz bis zu den Schultern, aber was er besonders an ihnen liebte, war ihre besondere Farbe. Sie erinnerte ihn ein wenig an orange oder irgendetwas zwischen rot und blond, aber irgendwie schimmernder.
      „Viel Erfolg.“, sagte er knapp, wandte sich ab und ging. Jill blieb auf dem dunklen Korridor stehen und sah ihm nach, bis er verschwunden war. Ihr Herz pochte wie eine Trommel. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, zog auch sie sich in ihr Zimmer zurück. Sie beruhigte sich nach solchen Vorfällen nie vollständig.


      Als Rob ihn morgens weckte, fühlte sich Crye noch wie gerädert. Sein Körper war schlaff und kraftlos, aber Rob bestand darauf, dass er aufstand. Der Weg durch den Stützpunkt war langwierig. Die Gänge sahen alle gleich aus. Die Wände waren weiß gestrichen, fühlten sich aber metallisch an. Der Boden hingegen pochte etwas merkwürdig, wenn man darauf lief, als wäre er aus Holz und darunter hohl.
      Es gab vier Stockwerke und ein Erdgeschoss. Ganz unten war das Trainingsgelände. Rob würde ihm diesen Bereich erst am dritten Tag zeigen. Im ersten Stock – dort, wo sich auch die Krankenstation befand – gab es überwiegend Zimmer für diejenigen, die in diesem Stützpunkt trainierten. Sie bestanden aus einem Bett, einem Schreibtisch mit Stuhl und einer Leselampe. Auch Crye würde in einem dieser Zimmer wohnen. Wenn er das billig wirkende Metallgestell sah, das ein Bett darstellen sollte, freute er sich bereits auf wundersame Nächte. Toiletten und Duschen gab es auch, aber die befanden sich in den Gängen und waren für alle Schüler zugänglich. Im ersten Stock befand sich außerdem ein großes Klassenzimmer und der Meditationsraum. Hier würden Rob und Crye den ersten Tag verbringen, nachdem die Führung beendet war.
      Im zweiten Stock befand sich eine riesige Mensa für Schüler, Ausbilder und ausgebildete Krieger. Dann waren da noch zwei Konferenzräume, in denen Einsatzteams über ihre Missionen aufgeklärt wurden.
      Im dritten Stock residierten diejenigen, die ihre Ausbildung beendet hatten und bereits regelmäßig unterwegs waren. Zumindest nannte Rob das so. Es waren wesentlich weniger als Auszubildende, weshalb sie den Luxus genossen, größere Zimmer mit Bädern zu haben. Crye wurde glatt ein bisschen neidisch.
      „Der vierte Stock ist tabu für JEDEN.“
      „Ach was? Warum denn?“
      „Weil ich da wohne!“
      Rob grinste breit und genoss Cryes Enttäuschung.
      „Nur du?“
      „Nein, nicht nur ich. Auch mein vertrautester Kreis.“
      „Heißt das, du bist hier der Chef?“
      „Das heißt wohl, dass ich hier so was wie der Chef bin, ja.“
      „Hast du mir gar nicht gesagt.“
      „Du hast nicht gefragt.“
      „Die Standardantwort.“
      „Aha, und weißt du auch, warum das die Standardantwort ist?“
      „Na los, erzähl’s mir.“
      „Weil sie immer wirkt.“
      Crye hatte das Gefühl, dass er noch lange nicht alles gesehen hatte, was dieser Stützpunkt zu bieten hatte. Zum Beispiel hatte er nirgends einen Ausgang gesehen. Nicht mal ein Schild zum Notausgang. Er fragte sich insgeheim, was hier mal passieren würde, wenn ein Feuer ausbrach oder so was ähnliches, aber er traute sich nicht, Rob danach zu fragen.
      Am Ende denkt er, ich vertraue ihm immer noch nicht. Anfangs ist es vielleicht besser, wenn ich nach seiner Pfeife tanze.
      Rob brachte Crye nun in den Meditationsraum. Er war riesig, aber irgendwie durch seine Leere und Weite beruhigend. Der komplette Boden war mit Matten ausgelegt und an den Wänden standen seltsame Apparaturen, die Crye an überdimensionierte Eier erinnerten.
      „Was sind das für Teile?“
      „Siehst du gleich. Erstmal erkläre ich dir, warum wir überhaupt meditieren.“
      „Um die Teilchen zu spüren, oder?“
      „So ist es. Wenn man mit Teilchen umgehen will, muss man demnach spüren, wie alles aus ihnen besteht. Je genauer dein Gespür für ihre Präsenz ist, desto erfolgreicher wirst du darin, sie für dich zu manipulieren. Diese Kapseln sind dazu da, dich voll und ganz von der Außenwelt abzuschotten. Sie sind dunkel und schalldicht. Du kannst dich also genau auf die Meditation konzentrieren. Das ist für den Anfang wirklich praktisch, obwohl du sie später nicht mehr brauchen wirst.“
      „Was hab ich davon, wenn ich gut darin bin, Teilchen zu spüren?“
      „Je nach deinem Könnensstand kannst du alles mit ihnen anstellen. Wenn du spürst, wie die Luft und die Atmosphäre um dich herum aus Teilchen bestehen und wie deine eigenen ein Teil von ihnen sind, wird es dir möglich sein, deine Teilchen schneller durch die anderen hindurch zu bewegen.“
      „Und das heißt konkret?“
      „Du wirst schneller. Außerdem ist es möglich, Teilchen vor dir zu verdichten, um somit Angriffe des Gegners abzudämpfen oder sogar ganz abzuwehren.“
      „Das ist zu hoch für mich.“
      „Du musst es noch nicht verstehen. Sobald du dich als Teil des großen Ganzen siehst, kannst du alles tun. Das Bewusstsein, das sich aus den transzendentalen Teilchen des Nichts gebildet hat, erschuf mit ihnen Welten und Organismen. Genauso kannst du sie natürlich entfernen.“
      „Man kann Lebewesen erschaffen und wieder entfernen? Im Ernst?“
      „So leicht ist es natürlich nicht. Eine solche Kontrolle hat noch niemand jemals erlangt. Nur das erste Bewusstsein.“
      Crye dachte über Robs Erläuterungen nach und fand sie zutiefst blödsinnig. Er kam sich vor, als befände er sich in einem Science-Fiction Film und müsste zwischen der roten und der blauen Pille wählen, um sein Schicksal zu bestimmen. Noch ehe er entscheiden konnte, was er Rob als nächstes fragen sollte, um ihn weiter glauben zu lassen, er würde sich tatsächlich dafür interessieren, was er ihm erzählte, unterbrach Rob seine Gedanken und fragte zu Cryes Erstaunen: „Wieso probierst du es nicht einfach mal aus?“
      Crye zuckte mit den Schultern und nickte. „Warum eigentlich nicht?“
      „Du wirst eine der Kapseln benutzen. Erschreck dich nicht vor der Dunkelheit. Es ist schwierig, sich in ihr zu orientieren. Gib dich ihr einfach hin. Denk dir, du seihst Teil der Finsternis, Teil der Stille. Wenn du vollkommen in ihr versunken bist, wirst du sie spüren, wenn du dich stark konzentrierst.“
      „Du holst mich da aber wieder raus, nicht?“
      „Denk gar nicht an das, was danach kommt. Denk erstmal daran, was vor dir liegt.“
      „Okay, okay.“
      Crye atmete tief durch und erschrak ein wenig, als sich eine der Kapseln automatisch öffnete, ohne dass er bemerkt hatte, dass sie irgendwer geöffnet hätte. Ein gepolsterter Sitz war inmitten der eiförmigen Apparatur angebracht, aus deren Wänden kleine Kabel verliefen, die lose auf dem Sitz endeten.
      „Was ist das?“
      „Zeig ich dir gleich. Nimm erstmal Platz.“
      Rob entfernte einige der Kabel, sodass Crye sich hinsetzen konnte. Sie konnten mit Klettverschlüssen befestigt werden. Crye war die Sache plötzlich nicht mehr so geheuer. Rob schien das zu merken und lächelte ihn aufmunternd an.
      „Die werden an deinem Körper befestigt. Ein paar an den Fingern, an den Oberarmen, am Kopf und an den Beinen. Sie senden elektrische Impulse in deinen Körper, die zur Entspannung dienen.“
      „Bitte was?“
      „Du wirst sie kaum spüren – nur in Form von Entspannung. Glaub mir ruhig.“
      „Habe ich eine Wahl?“
      „Machst du jetzt etwa einen Rückzieher?“
      „Na los doch: Her mit dem Zeug!“
      Crye ließ sich verkabeln und die Kapsel schloss sich genauso automatisch, wie sie sich geöffnet hatte. Mit einem Mal fühlte sich Crye verängstigt. Der enge Raum, die Dunkelheit, die Verkablung – das alles war ihm nicht geheuer. Sein Herz schlug schneller und er sah sich um, obwohl er genau wusste, dass er nichts erkennen würde. Langsam aber sicher bildete sich Schweiß auf seiner Stirn und er begann zu zittern.
      Heilige Scheiße, worauf hab ich mich hier nur eingelassen?
      „Rob? Ich glaube es klappt nicht!“
      Als er keine Antwort erhielt, erinnerte er sich daran, dass Rob gesagt hatte, die Kapsel sei schalldicht. Er konnte ihn nicht hören. Aber wie sollte er dann wissen, wann Crye heraus wollte?
      Du verdammter-!
      Crye versuchte sich zu beruhigen. Sein Atem beruhigte sich und seine Glieder wurden langsam taub. Sein Herzschlag erreichte wieder ein normales Tempo. Er fühlte sich ein wenig klarer.
      Machen das die elektronischen Impulse aus diesen Kabeln hier?
      Crye schloss die Augen, denn selbst wenn es dunkel war, glaubte er, dass er so besser nachdenken konnte. Und dann bemerkte er, dass es zwischen dieser und jener Dunkelheit keinen Unterschied mehr gab und er auch träumen konnte, wenn er die Augen offen hielt. In seinem Kopf spielten sich mehrere Szenarien ab – was konnte alles passieren, was passierte gerade überhaupt? Aber so schnell die Bilder erschienen waren, verschwanden sie auch wieder und es blieb nichts außer absolute Leere. So ganz allein in der Dunkelheit zu sitzen, erweckte in ihm den Gedanken, dass es keinen Beweis gab, dass er überhaupt noch existierte. Weder er selbst noch sonst jemand konnte ihn sehen. Und dieser Gedanke führte dazu, dass er seinen Körper verlor. Er spürte ihn nicht mehr, aber was er spürte, war sein Bewusstsein, das ihn weiterhin in dieser Dunkelheit suchte. Und es fand ihn.
      Auf seiner Haut wurde ein Kribbeln spürbar. Erst war es ganz klein, sodass er dachte, es seien die elektrischen Impulse, die durch seinen Körper flossen. Dann aber spürte er, wie sich die Härchen auf seinen Armen aufstellten und das Kribbeln wurde intensiver. Gerade als es Crye unangenehm wurde, öffnete sich die Kapsel und Rob betrat gerade die Tür zum Meditationsraum.
      „Wo warst du?“, fragte Crye empört.
      „Kaffee trinken.“
      Kaffee trinken? Und mich lässt du einfach hier drin? Wie lang war ich eigentlich eingesperrt?“
      Rob sah auf seine Armbanduhr, schien im Kopf zu rechnen und sah Crye dann wieder mit völliger Gelassenheit an.
      „Etwa sieben Stunden.“
      Was? Willst du mich auf den Arm nehmen?“
      „Hast du Hunger?“
      Da spürte Crye, dass sein Magen ihn zurzeit hassen musste. Dabei hatte er kurz vor dem Eintritt in die Kapsel kaum Hunger verspürt.
      „Wie war’s da drin?“, fragte Rob gespannt.
      „Dunkel. Ansonsten sehr seltsam. Es war ein komisches Gefühl. Und dann hat meine Haut angefangen zu kribbeln.“
      „Das waren sie.“
      „Was war was?“
      „Du hast die transzendentalen Teilchen gespürt. Ein Kribbeln auf der Haut – das ist der erste Schritt. Ich bin erstaunt. Hätte nicht gedacht, dass du sie schon beim ersten Mal wahrnimmst.“
      „Ich dachte, es wären diese Impulse, die durch meinen Körper fließen.“
      „Aber das waren sie doch.“, grinste Rob. „Und alles andere um dich herum. Du hast sie gespürt. Vielleicht hast du dich sogar selbst gespürt.“
      Crye missfiel der Gedanke, dass Rob wieder ein Argument auf seiner Seite hatte. Das Problem war, dass Crye nicht genau sagen konnte, was er wirklich gefühlt hatte. Wenn er seine allgemeine Verwirrung bedachte, war es sogar unklug gewesen, Rob eine solche Vorlage gegeben zu haben. Er hätte einfach den Mund halten sollen oder zumindest behaupten können, es wäre überhaupt nichts passiert, während er in der Kapsel gesessen hatte.
      „Ich glaube, es reicht für heute. Lass uns etwas in der Mensa essen.“, schlug Rob vor und Crye musste zugeben, dass er seine Meinung dieses Mal teilte.


      (c) Julian Jungermann

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      Die meisten werden es schon bei Facebook gesehen haben, aber die Geschichte ist inzwischen bei amazon veröffentlicht:

      Die Union der verlorenen Seelen (Union-Trilogie 1) eBook: Julian Jungermann: Amazon.de: Kindle-Shop

      Ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn ihr es euch anschaut :)
      Über die Leseprobe-Funktion könnt ihr schauen, ob's etwas für euch ist.

      Gruß
      JayJay