Aufopferung

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      Aufopferung

      Aufopferung... unter diesem Begriff versteht man meistens etwas Heldenhaftes:

      "Sterben, für den Menschen den man liebt."
      "Den beschützen, der einem am Wichtigsten ist."
      "Für das Wohl eines Anderen leiden."
      "..."

      ...man könnte den Fokus jetzt situativ ausweiten und die Perspektive verändern, um jeden kleinsten Akt des pathetischen Heldentums zu erfassen.


      Oder ist Aufopferung am Ende doch etwas Unsinniges?
      Oder ist am großartigen Pathos am Ende doch etwas dran?


      Was denkt ihr darüber?
      Wunderschönes Thema.
      Möchtest du das zwingend aus der Pespektive "für etwas/jemanden sterben" oder eher allgemein diskutieren?

      Bevor ich den Post auf diese Frage beschränkte, mal ein knappes Statement:
      Aufopferung ist imho ein überaus wichtiger Bestandteil des Lebens unter Menschen, und das fängt schon im vermeintlich Kleinen an: Jemand der fast sein gesamtes Leben der Arbeit "opfert", um seine Familie zu ernähren oder ihr einen gewissen Standart zu ermöglichen, geht ja eigentlich auch nur seiner Pflicht nach, um das Leben seiner Lieben zu verbessern, kostet es auch gemeinsame Zeit.

      Damit bin ich auch schon ganz fix bei meiner Grundaussage: Aufopferung setzt meiner Meinung nach immer Liebe, welcher Art auch immer, voraus. Anders herum sollte jemand, der aufrichtig liebt, niemals das eigene Wohl vor das der jeweils relevanten Person/en setzen.
      So mag es beispielsweise Kraft kosten und Einsamkeit nach sich ziehen, einer Beziehung den Rücken zu kehren, auch wenn man weiß, dass der Partner, aus welchen Gründen auch immer, im Endeffekt ein besseres Leben führen wird, wenn man sich aus diesem zurück zieht. Ähnlich sieht es bei "geheimer Liebe" aus, es gibt mehr als eine Person, die Freundschaft lebt und in Wahrheit ganz anders fühlt, dies aber aus heweils guten Gründen in Schweigen hüllt.

      Somit sind nur zwei sehr harmlosei Beispiele genannt, sollten aber verdeutlichen, dass wahre Aufopferung nicht bedeutet, durch diesen Akt des Verzichtens irgendwann doch noch einmal Lob oder Anerkennung dafür zu erhalten.
      Ich denke, es fällt sehr viel leichter, als Held seines Landes, seiner Familie oder was auch immer da zu stehen, als ein Opfer zu bringen, das niemals anerkannt werden wird.
      Natürlich ist es dennoch immer leicht, sich dann in selbstmitleidiges Schweigen zu hüllen, aber ganz wird diese Empfindung niemand, der ein solches Opfer gebracht hat, abschalten können - und ist es nicht an sich schon eine Art Belohnung?
      Schmerz bringt immer einen Gegenwert, auch wenn man ihn vielleicht nicht erkennt. Aber das eindeutigste Zeichen ist dennoch das Leben oder das Glück derjenigen, deren Seligkeit man mit seinem ganzen Sein erhofft. Und wenn man tatsächlich diese Ebene erreicht hat, dann wird doch jeder Preis, so funktioniert das menschliche Sein eben, zu etwas, das man gerne bezahlt.
      Der Mensch ist ein ziemliches Egoschwein, er wird nichts tun, ohne ein Minimum an Gewinn für sich selbst heraus zu holen, aber ich glaube, wenn jemand die Grenze überschritten hat, nach der jeder Verzicht, den man selbst erlebt, zu etwas überaus verlockend Bittersüßem wird, ist das wohl kaum der falsche Weg.

      Wie gesagt, es fängt im Kleinen an, und wenn es auch eher lächerlich ist, selbst zu Leiden, anstatt dieses Schicksal einem anderen zuzumuten, ist es imho immer ein Weg, den man gut heissen kann, denn dadurch ist man in der Lage, Dinge wie "Rache" zumindest bewusst zu kontrollieren, auch wenn man sie wohl kaum je ganz aus der Welt schaffen wird. Das wäre ein Schritt in Richtung der kollektiven Harmonie, die, auch als absolut illusionäres, verträutmes Ziel, immer angestrebt werden sollte.

      Alles hat seinen Preis, man muss nur für sich selbst wissen, ob man bereit ist, ihn zu zahlen. Simple Frage des Egos...

      Kurzer Gedankenanstoss in Form eines Zitates zum Abschluss...
      "I am willing to make the mistakes if someone else is willing to learn from them."
      No weapons.
      Just words.
      Ayamas Post beinhaltet natürlich sehr viel Wahrheit und findet meine Zustimmung. Kann eigentlich nichts mehr hinzufügen.

      Dazu will ich aber noch ein anderes Thema anschneiden, und zwar über eine Frage, die man öfter mal liest.

      "Wer soll gerettet werden? Du, ein geliebter Mensch, oder 100 Fremde? "
      Jeder würde im ersten Moment sagen, dass er sich für den geliebten Menschen entscheidet, vielleicht kurz zögernd darüber, ob man nicht lieber sich selbst retten sollte. Die 100 Fremden kommen für die meisten wahrscheinlich gar nicht in Frage - warum sollte man Menschen retten, die man nicht kennt?
      Wie auch immer... Ich persönlich wüsste nicht, wen ich in diesem Moment retten würde. Auch ich würde zunächst nicht an die Fremden denken, sondern nur an den geliebten Menschen. Nur... was würde ich machen, wenn es ernst wird? Wenn ich wirklich in diese Situation komme. Würde ich WIRKLICH diesen einen Menschen retten, oder würde ich zu viel Angst kriegen und nur an mich selbst denken? Ich bin mir sicher, dass viele sagen, sie retten den geliebten Menschen, würden aber im Ernstfall das eigene Leben in Sicherheit bringen.
      Egal, welche der beiden Möglichkeiten man wählt, man würde damit immer 100 Menschen ihrem Schicksal überlassen, oder genauer gesagt: töten. Eigentlich ist diese Frage unzumutbar für einen Menschen, denn was man auch tut, irgendwie ist es falsch. Rettet man sich selbst, tötet man 101 Menschen, auch wenn man nur einen davon kannte. Rettet man den geliebten Menschen, sterben wieder 101. Nur, wenn man sich für die Fremden entscheidet, gibt es lediglich 2 Tote.

      Klar, man wird wahrscheinlich nie in diese Situation kommen, aber ich finde, dass es als Beispiel sehr gut zu diesem Thema passt. Was würdet ihr tun?

      Was hier als Aufopferung dargestellt wird, ist denke ich schon das Äußerste der Vorstellung. Aufopferung hat meines Erachtens nicht unbegingt etwas mit Liebe zutun, aber auf jeden Fall mit Hingabe.
      Man kann sich nicht nur für geliebte Menschen aufopfern, sondern auch für eine Berufung, Träume oder Ideale. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, was das für Träume oder Ideologien sind...

      "Wer soll gerettet werden? Du, ein geliebter Mensch, oder 100 Fremde?"

      Ich kann für mich schonmal sagen, dass ich auf keinen Fall die 100 Fremden retten würde. Auch wenn du schreibst, dass ICH sie töten würde, ist das nicht unbedingt der Fall.
      Durch meine Entscheidung sind sie nicht erst in diese Situation gelangt, in der es um Leben und Tod geht. Ich töte keine 101 Personen, sondern ich rette ein Leben! Ein anderes Dilemma, das etwas verdeutlicht, was ich meine ist dieses hier:

      Du stehst an einer Weiche vor einer Kurve. Ein Zug kommt. Hinter der Weiche arbeiten Leute, die den Zug nicht hören, weil jemand mit dem Presslufthammer arbeitet. Dein Rufen können sie natürlich auch nicht hören.

      Dabei arbeiten die meisten auf Gleis 1, während auf Gleis 2 nur eine Person arbeitet. Derzeit ist die Weiche so gestellt, dass der Zug auf Gleis 1 in die Gruppe fahren würde.

      Würdest du die Weiche umstellen, damit der Zug auf Gleis 2 fährt und nur einen Menschen überrollt statt viele?


      Deutlich wird die Rolle der actio, also ob ich aktiv etwas zum Tod von Personen beitrage. Dazu gab es interessante Studien in der Moralforschung. Dabei wurde oberes Modell übertragen. Statt dem Gleis mit nur einem Arbeiter, gab es einen dicken Mann auf einer Brücke. Würde man den Mann auf die Gleise schubsen, dann würde der Zug nicht die vielen Arbeiter töten, sondern nur den einen Mann. Interessant dabei ist, dass anteilig mehr Leute die Weiche umstellen würden und einen Mann töten würden, als einen Mann von der Brücke zu werfen. Obwohl die Bilanz die selbe ist, wird durch die reine Aktion moralisches Handeln komplett anders wahrgenommen. Schalter umlegen ist ok, selber Hand anlegen nicht.

      Es gibt verschiedene Stufen der moralischen Entwicklung, die unter anderem Piaget und Kohlberg in ihren Modellen beschrieben haben. So würden Kinder in gewissen Altersstufen z.B. sogar dazu neigen,
      die 100 Menschen zu retten, einfach nur, weil deren Zahl größer ist. Genauso würden es wohl Utilitaristen tun, allerdings finde ich, dass Moral eine Grauzone ist und mit Zahlen überhaupt nicht
      messbar ist. Das fängt dabei an, dass ich mit mir selbst und dem geliebten Menschen Erinnerungen teile, Emotionen und vieles mehr. Jemanden zu lieben hört sich zunächst banal an, aber ich finde dass lieben auch immer eine Verpflichtung mit sich bringt. Liebe ist für mich gleichbedeutet mit einer enormen Wertsteigerung des Lebens der Person, wenn man es mal so ausdrücken möchte. Ich stelle sie damit über fremde Menschen, ggf. sogar über mich. Ich würde mich also immer zwischen mir und der anderen Person entscheiden, so leid es mir für die anderen tut, aber ich bin in keiner Öffentlichen Position, in der ich gezwungen wäre utilitaristisch Denken zu müssen (schießen wir das Flugzeug ab, bevor die Terroristen es ins Pentagon fliegen?).
      a sixty ton angel falls to the earth
      a pile of old metal a radiant blur
      scars in the country, summer and her

      always the summers are slipping away
      porcupine tree

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